Konzept der Singklassen

 

Singklassen an Schulen – Ein Erfolgsmodell

 

„Schon wurden draußen Lieder angestimmt, in einer tiefen, gutturalen, scharf artikulierten Sprache.“1 Mit diesen Worten beschreibt der französische Philosoph Claude Lévi-Strauss seine ersten Eindrücke von einem Eingeborenenstamm im brasilianischen Regenwald. Sicher ist dieses Zitat eher zufällig gewählt, es wirft jedoch ein Schlaglicht auf das, was alle Menschen in allen Kulturen und zu allen Zeiten der Evolutionsgeschichte getan haben, um sich in ihren kultischen, religiösen und rituellen Handlungen auszudrücken, Gemeinschaft zu bilden oder ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen: Das Singen. Mit dem Entstehen der abendländischen Zivilisation und Kultur ist Erziehung, religiöse oder politische Bildung immer eng mit dem Singen verbunden. Sei es in den mittelalterlichen Klöstern und Domsingschulen, den Minne-sängern der Renaissance und des Barocks, den bürgerlichen Singvereinen in der Zeit der Auf-klärung, den Protestliedern der Revolutionen und Umstürze im 19. und 20. Jahrhundert oder den Liedern der Friedensbewegung des 20. Jahrhunderts.

Nach der Etablierung unseres Schulsystems zu Beginn den 20. Jahrhunderts bekommt das Singen mit Kindern und Jugendlichen noch eine besondere pädagogische Prägung, die in den 1920er Jahren mit der Jugendmusikbewegung einen besonderen Höhepunkt erreichte. Dass nach den beiden Weltkriegen ein grundsätzliches Nachdenken über das gemeinschaftliche Singen eingesetzt hat war folgerichtig, wenn man sich die demagogische Kraft von Musik vor Augen führt. Im Ergebnis hat es jedoch dazu geführt, dass in den Schulen ab Ende der 1960er Jahre wenig musiziert wurde und das Reden über Musik im Vordergrund stand. So waren es vor allem die konfessionellen Kinder- und Jugendchöre, in denen außerhalb der Schule ge-sungen wurde.

Dieses Bild hat sich im letzten Jahrzehnt stark verändert. Basierend auf empirisch nachgewie-senen Erkenntnissen, dass Singen und Musizieren nicht nur die Intelligenz, sondern ebenso nachhaltig auch soziale Kompetenzen fördert, hat sich ein Trend zur Förderung des aktiven Musizierens in unseren Schulen entwickelt. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüter be-zeichnet das Singen als „Kraftfutter für Kinderhirne“2 und die Bielefelder Soziologen Thomas Blank und Karl Adamek kommen in ihrer 2010 veröffentlichten Studie zu dem Schluss, dass durch das Singen die Entwicklung von Kindern in „unersetzbarem Maße“ gefördert wird. „Dieses gilt besonders für ihre Sprachentwicklung, ihr Sozialverhalten und ihre Aggressions-bewältigung.“3 Das Land Rheinland-Pfalz hat aus diesem Grunde seine Schulrahmenpläne neu definiert und dem Singen und Musizieren in der Schule einen besonderen Raum gegeben: „Singen ist neben Rhythmus und Bewegung die ursprünglichste und den Kindern nächste Form des Musikmachens und bedarf besonderer Aufmerksamkeit und Pflege – auch um den kulturellen Reichtum des alten und neuen Liedgutes zu bewahren. Musikalische Grundbildung braucht zunächst Rückbesinnung auf die eigenen kreativen und kulturellen Fähigkeiten und die Freude, mit Kindern etwas zu gestalten.“4

Diese Neuorientierung hat im Jahr 2009 dazu geführt, dass sich die für Bildung und Erzie-hung zuständigen Personen des Bistums Mainz und die musikalisch Verantwortlichen der Mainzer Dommusik zusammengesetzt haben, um ein Konzept für eine Zusammenarbeit zu entwickeln. Zum Schuljahresbeginn 2011 konnte nach langen und intensiven Verhandlungen und Gesprächen das Ergebnis präsentiert werden: An der Martinusgrundschule Oberstadt und am Gymnasium Theresianum wurde jeweils eine der neuen Klassen als Singklasse eingerichtet. Zum Schuljahresbeginn 2013 wurde das inzwischen erprobte Modell sogar an weiteren Schulen – der  Martinusschule Weisenau, am Willigis-Gymnasium sowie an der Maria-Ward-Schule – eingeführt. Besonders erwähnenswert dabei ist, dass ein durchgängiger Musikunter-richt bis zum Erreichen der gymnasialen Oberstufe gewährleistet werden soll. Die Schülerin-nen und Schüler dieses ersten bzw. fünften Schuljahres haben eine zusätzliche Schulstunde Musik, in dem der Unterrichtsschwerpunkt auf das Singen ausgerichtet ist. Die im Lehrplan vorgesehen Themen (der Rahmenlehrplan definiert keine Lernziele mehr, sondern die Ver-mittlung von Kompetenzen) werden in den Regelstunden unterrichtet, wobei es besonders bei den für das Singen wichtigen Themen (zu erlernenden Kompetenzen) zu einer intensiven Verknüpfung kommt. In der zusätzlichen Schulstunde Musik sind sowohl der Lehrer / die Lehrerin der Schule, als auch ein Chorpädagoge der Chöre am Dom anwesend. Durch diese Doppelung ist es auch möglich, die Klasse zu teilen und in Kleingruppen zu arbeiten und zu musizieren. Alle Schulen haben mit großen, lichtdurchfluteten Musiksälen und dem vorhan-denen Instrumentarium nahezu ideale Ausgangsvoraussetzungen, um sowohl Unterricht im Klassenverbund als auch in chorischer Formation oder ganz frei von Tischen und Stühlen zu machen. Dieses ist gerade für Einsingphasen mit vielen Bewegungselementen sehr wichtig. Die Solmisation (Verfahrensweise, Tonstufen auf bestimmte Silben zu singen, um ihren Ort im Tonsystem zu erkennen) nimmt bei der Arbeit einen hohen Stellenwert ein. Die angewandte Methode (Do / Re / Mi) lehnt sich zwar an die bekannten geschlossenen Solmisationslehren von Zoltan Kodaly und Justine Ward an, bezieht jedoch die Erfahrung der Arbeit in den Vorchören der Mainzer Dommusik mit ein. Die weiteren wesentlichen Punkte der musikali-schen Zusammenarbeit zwischen Schule und Dommusik lassen sich durch folgende Kernthe-sen zusammenfassen:

  1. Durch das Singen werden musikalische Grundkenntnisse mit besonderem Schwer-punkt auf die Stimmentwicklung und Artikulationsfähigkeit, ein ausgeprägtes Rhyth-musgefühl und ein differenziertes Hören vermittelt.
  2. Singen ist eine Grundform der menschlichen Kommunikation. Singen ist persönlich-keitsbildend und stärkt das Selbstbewusstsein.
  3. Die Schule wird – in Ergänzung zum Religionsunterricht – Ort der Begegnung mit musikalisch-liturgischen Glaubensinhalten.
  4. Durch die Verbindung der Schulen mit den Chören am Dom wird die Existenz der Chöre langfristig auf eine verbesserte Basis gestellt, und die Attraktivität der Schule wird gefördert.

 Karsten Storck

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1 Lévi-Strauss, Claude: Triste Tropen; Frankfurt a. Main 1978
2 Blank, Thomas u. Adamek, Karl: „Singen in der Kindheit“; Münster 2010
3 a.a.O.
4 Ministerium für Bildung (Hrsg.): Rahmenplan Grundschule; Mainz, 2009