Zwischen Schütz-Psalm und Bach-Würfel (10/2012)

„Tut mir leid, Männer, die ganze Nummer noch mal – das war nichts!“ Würde man diese Momentaufnahme so stehen lassen, bekäme man einen falschen Eindruck von der Arbeit des Mainzer Domchors unter seinem neuen Domkapellmeister Karsten Storck. Denn natürlich hören die 106 „Männer“ zwischen 9 und 24 Jahren während der ersten von zwei Chorwerkwochen im österreichischen Werfenweng auch viel Lob: Von „nicht unzufrieden“ über „akzeptabel“ und „gut“ bis zum beherzten „Mensch, da freu‘ ich mich drauf – das wird super im Dom!“ ist alles drin.

Rund 600 Kilometer ist das Gotteshaus vom Örtchen Werfenweng entfernt. Der „Berghof“, in dem der Domchor in diesen Tagen wohnt und arbeitet, liegt vor der malerischen wie beeindruckenden Kulisse des Tennengebirges; der 2.276 Meter hohe „Eiskogel“ ist zu sehen und der Ortsteil „Ruhdorf“ schmiegt sich harmonisch ins Tal: „Vorsicht Kunst!“, ruft einem ein Schild eines Ateliers zu. Und in der Tat: Man hört man Musik! „Jauchzet dem Herrn“ von Hermann Schroeder, die „Missa sancti toni“ von Giovanni Croce, das „Vidi speciosi“ von Tomás Luis de Victoria – und dazwischen Karsten Storck: „Es müsste doch möglich sein, dass der Mainzer Domchor einen sauberen Dur-Akkord ohne Begleitgeräusche singt!“

Geistliche Musik – sozusagen in „wäldlicher“ Umgebung: Der neue Domkapellmeister ist mit seinen Jungs ins Salzburger Land gereist, um fernab von Heimat, Schule und Elternhaus zu arbeiten: In täglichen und intensiven Proben wird das Repertoire gepflegt und neue Choristen finden in der großen Gemeinschaft des Domchors ihren Platz. Nicht nur das Singen steht auf dem Plan: „Diese Tage dienen auch dazu, das Reisen in der Gruppe zu proben“, erklärt Storck kurz nach dem Mittagessen im Berghof, einer gehobenen Jugendherberge mit großem Chorsaal und eigenem Klavier – ideale Möglichkeiten also zum effektiven Proben.

Man ist jedoch nicht hier, um einfach so drauf los zu singen: „Wenn nur einer hier eine andere Vokalfarbe hat, klingt das wie ein Schulchor“, kritisiert Storck die Männerstimmen des Domchors während der Registerprobe mit Tenor und Bass. Und bei den Knabenstimmen muss der Domkapellmeister auch schon mal die Stimme erheben, um für Ruhe zu sorgen: Schwätzen, Notenrascheln oder unkonzentriertes Singen gehen ihm genau so auf den Nerv wie es ihn mit Freude erfüllt, als die Knaben sauber und richtig singen: „Wenn wir das so in der Gesamtprobe hinkriegen, dann hat sich die Woche echt gelohnt.“ Am Ende wird man viel geschafft haben und das „Justorum animae“ von Michael Haydn klingt eben nicht mehr „wie ein heruntergelesenes Telefonbuch“, sondern so, wie Storck sich das vorstellt: „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand“ – Text in Musik übersetzt.

Storck kennt jeden einzelnen seiner Sängerinnen und Sänger und scheut nicht, sie oder ihn während der Probe auch persönlich anzusprechen, wobei er zwischen Lob und Tadel stets gewinnend die Waage zu halten weiß: „Name und Familienhintergrund kenn ich bei jedem. Und den Grad des Heimwehs“, setzt er augenzwinkernd hinzu. Um das muss er sich allerdings nicht allzu oft kümmern, denn zum Grübeln kommen die Knaben gar nicht. Da ist höchstens mal ein angestoßener Zeh in Zimmer 13; und diesen Fall kann Storck beruhigt in die Hände von Miriam Brixius-Huth legen, die wie Thomas Hoepp und Arne Schröer sowie Pastoralreferent Johannes Brantzen zum begleitenden Team gehört. Wenn eine Woche später die rund 120 Sängerinnen des Mädchenchors am Dom und St. Quintin hier proben, werden Julia Diefenbach, Michaela Ditt, Yvonne Bannwart und Theresa Victor-Siepchen dem Domkapellmeiser den Rücken frei halten.

Erstmals nehmen auch zehn der „Exis“, der Exkantoristen, die der Domchor in den Stimmbruch entlassen musste, an der Chorwerkwoche teil. Da sie nicht mitproben können, dürfen sie das „touristische Begleitprogramm“ genießen: Spieleabende, ein Ganztagesausflug nach Berchtesgaden und zum Königssee, eine Fackelwanderung, das Gipfelstürmen des „Eiskogels“ oder eine Fahrt mit dem Sessellift zur Hacklalm in 1.531 Metern Höhe. Außerdem dürfen sie nun wie die unter 16 Jahre alten Männerstimmen bis 22.30 Uhr auf bleiben. Und zwei der „Exis“ bestehen das Vorsingen, dürfen nach dem Chorwerkwochenende bzw. zu den Weihnachtskonzerten als neue Männerstimmen antreten.

Unterstützt wird die Musica sacra bei dieser Reise übrigens vom Domkapitel, das mehr als die Hälfte der Reise-, Unterbringungs- und Freizeitkosten trägt: „Ohne den guten Willen hier wäre das gar nicht möglich“, freut sich Storck über den ideell wie finanziell spürbaren Rückhalt, der den Jugendlichen, die sich in den Chören am Dom engagieren, immer wieder besondere Herbstferien ermöglicht: Alle zwei bis drei Jahre fährt der Mainzer Domchor nach Werfenweng – und erlebt in diesen Tagen einiges.

Klar, dass Felix Mendelssohn-Bartholdys Choralkantate „Vom Himmel hoch“ einstudiert werden muss, genau wie das Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saëns, Psalmen von Heinrich Schütz oder Motetten von Michael Haydn, Max Bruch oder Carl Martin Reinthaler. Schließlich stehen Storcks Antrittskonzert als Domkapellmeister am 18. November und das Weihnachtskonzert am 23. Dezember auf dem Plan. Aber der neue Chorleiter legt wie sein Vorgänger Mathias Breitschaft auch großen Wert darauf, dass die Chorwerkwochen zum Erlebnis für alle Mitreisenden werden: Die größte Eishöhle der Welt wird ebenso besucht wie eine Sommerrodelbahn, die Burg Hohenwerfen, das Salzbergwerk in Bad Dürrenberg oder Salzburg, die Geburtsstadt Mozarts. Hier hinterließ der Mainzer Domchor übrigens bleibende Spuren: Im dortigen „Café Fürst“, das von sich behauptet, die einzig echte „Mozart-Kugel“ zu fertigen, fragte ein Knabe vor zwei Jahren, ob es dort nicht auch „Bach-Würfel“ gebe. In diesem Jahr stieß man dann vor Ort auf jene kantige Süßigkeit!

Die ist jedoch tabu während der Proben im Berghof, als die Männerstimmen das Verdi-Requiem anstimmen: „Ein bisschen Klappern schadet nichts, jeder italienische Opernchor klappert hier ein bisschen“, ermuntert Storck, moniert hier eine Absprache und feilt dort an einem Vokal, um irgendwann zum nächsten Stück überzugehen: „Dankeschön, jetzt Bach“. Wohlgemerkt: das „Magnificat“, kein Konfekt…

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