Mathias Breitschaft: Rückblick auf die Zeit in Mainz (06/2012)

Für einen interessanten Rückblick auf eine beachtliche künstlerische Karriere traf sich Mathias Breitschaft mit der Redaktion und nahm sich viel Zeit, um im intensiven Gespräch die verschiedenen Facetten seiner Laufbahn in der Retrospektive zu beleuchten. Herausgekommen ist da bei eine äußerst spannende Lektüre, die einem den Menschen wie den Künstler Mathias Breitschaft näher bringt.

Herr Breitschaft, was ist Ihre erste musikalische Erfahrung?

Sie werden lachen: Meine erste musikalische Erfahrung machte ich mit der „Quetschkommode“, also der Ziehharmonika. Wir waren keine sehr wohlhabende Familie damals und hatten kein Klavier. Aber da mein Vater früher bei den Regensburger Domspatzen war, hatte er das Bedürfnis, mir eine musikalische Ausbildung zukommen zu lassen. Das mit der Ziehharmonika ging aber voll daneben, ich habe nach jeder Stunde geheult. Vermutlich hat mich der Klang des Instruments damals geradezu abgestoßen – heute finde ich ihn übrigens toll, wenn ich in den Mainzer Fußgängerzonen vor allem russische Straßenmusikanten höre.

Welche Rolle spielte die Musik in Ihrer Familie?

Eine große! Wie gesagt: Mein Vater war wie ich auch bei den Regensburger Domspatzen und übrigens einer der besten! Nach dem Schulabschluss wollte er eigentlich Gesang studieren. Das hatte ihm sein Vater allerdings nicht erlaubt und bestand auf einer soliden Berufsausbildung als Bankkaufmann, was er dann auch hervorragend abschloss. Dann durfte er zum Gesangsstudium am Salzburger Mozarteum tun – ein Platz war damals frei und er hatte ihn bekommen. Parallel dazu wollte er halbtags bei einer Bank vor Ort arbeiten, hatte schon die Stelle und ein Zimmer – und dann hat ihn die Wehrmacht eingezogen. Nach dem Krieg hat ihm übrigens die Musik und seine Fähigkeit zu singen und zu dirigieren die britische Kriegsgefangenschaft extrem erleichtert, denn er stellte da bald aus drei riesigen Lagern einen Männerchor zusammen und hat so gut mit denen gearbeitet, das die BBC eines der Konzerte sogar nach Deutschland übertragen hat. Danach gab es dann regelmäßig Konzerte und bald konnte er auch nach Hause. Während der Gefangenschaft auf der Isle of Man hatte er durchaus ein komfortables Leben, denn die Offiziere der Wachmannschaften schätzten die Arbeit meines Vaters sehr, luden ihn regelmäßig zu ihren Familien ein und stellten ihm sogar einen Jeep mit Fahrer zur Verfügung, so dass er zwischen den Lagern hin und her fahren konnte, um die Proben halten zu können.

Das Begeistern von Menschen für Musik liegt bei Ihnen offenbar in der Familie. Wie ging es denn dann weiter?

Nach der Gefangenschaft kam mein Vater nach Würzburg, arbeitete bei einer amerikanischen Bank und sang nebenbei am Stadttheater. Ohne Ausbildung hat er bei der Oper vorgesungen und die nahmen ihn wegen seiner hohen Begabung mit Handkuss; hier hat er große Rollen gesungen, wenn es auch dafür kaum Gagen gab. Da er aber bald eine sechsköpfige Familie zu versorgen hatte, musste er das Singen leider aufgeben, obwohl er in Würzburg ein sehr beliebter Sänger war. Sie sehen also: Musik war äußerst wichtig für meinen Vater und nach seinen Engagements an der Oper hat er bis zu seinem Tod immer Chöre geleitet. An „seinen“ Männerchor- Klang erinnere ich mich gerne, denn Chöre erziehen konnte er. Ich durfte übrigens als Jüngling auch gelegentlich mal ans Pult und den „Postchor Harmonie Würzburg“ dirigieren. Meine Mutter ist leider sehr früh gestorben, aber sie muss eine begnadete Pianistin gewesen sein. Übrigens haben sich meine Eltern auch über die Musik kennengelernt. Nach dem Tod meiner Mutter hat mein Vater die Entscheidung getroffen, mich in Regensburg aufs Internat zu schicken, zu den Domspatzen.

Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ihr erstes Konzert, das sie als Kind gehört haben?

Nein, nicht direkt; aber ich habe viele schöne musikalische Erinnerungen aus meiner Kindheit und da natürlich auch an tolle Konzerte. Zum Beispiel erinnere ich mich noch daran, immer sehr aufmerksam am Radio zugehört zu haben, wenn klassische Musik gesendet wurde. Oder, da muss ich so sieben, acht Jahre alt gewesen sein: Mein Vater hat mich zu einem Konzert beim „Mozartfest“ in Würzburg mitgenommen und da hat ein wunderbarer Cellist Haydns D-Dur-Konzert gespielt. Das ist mir im Gedächtnis hängen geblieben. Cello habe ich übrigens später dann auch gelernt.

Wie ihr Vater kamen sie dann also nach Regensburg…

In Regenburg wurde ich in die Vorschule der Domspatzen aufgenommen – beim gleichen Dirigenten, unter dem auch mein Vater noch gesungen hatte: Domkapellmeister Prof. Dr. Theobald Schrems. Da musste ich dann auch Klavierunterreicht nehmen – mit regelrecht martialische Erziehungsmethoden: man wurde an den Haaren gezogen oder geohrfeigt, wenn man nicht geübt hatte – dass man das als Knabe durchgehalten hat, ist mir heute schleierhaft. Ich kann mir das nur so erklären, dass da in einem ein Instinkt war, weiterzumachen, dass man die Begabung gespürt hat. Als Domspatzen hatten wir natürlich wunderbare Konzerterlebnisse und Berührungen mit der Musik, zumal ich schnell in der chorinternen, unausgesprochenen Hierarchie aufgestiegen war. Aus heutiger Sicht sind die pädagogischen Verhältnisse dieser Zweit natürlich schauderhaft – aber ich weigere mich, der Kirche heute deswegen Vorwürfe zu machen, denn differenzierte und respektvollere, menschenfreundliche Erziehungsmethoden fassten erst allmählich Fuß. Übrigens ist das Thema des sexuellen Missbrauchs ein ganz anderes: Hier darf es zum Schutz der Kinder und zur Chance der Aufarbeitung keine Zugeständnisse geben.

Offenbar waren die Kontakte mit der Musik sehr intensiv. Wie kam es bei Ihnen denn zur Berufswahl Musiker?

Nichts motiviert so wie Erfolg. In Regensburg war ich zuerst ein „Nobody“. Aber durch den Musikunterricht und den Gesang kam die Begabung dann bald ans Licht und ich merkte, dass ich unglaublich schnell begriff, was der Dirigent von uns wollte und das auch umsetzen konnte. Den Zeitpunkt, wann ich merkte, Musiker werden zu wollen, kann ich heute nicht mehr genau nennen. Aber die Musik war für einen Regensburger ja bei weitem kein reines Hobby – das war ja schon eine Art Beruf im Sinne von Berufung. In Regensburg war ich schnell einer der führenden Sänger und kam in eine Schulklasse mit lauter tollen Musikern. Nach Domkapellmeister Schrems kam nach einem Intermezzo seines Neffen Hans dann ja schon Georg Ratzinger. Und unter seiner Führung wurde meine Liebe zur Musik sehr genährt. Als damals Theobald Schrems‘ Nachfolge diskutiert wurde, war ich einer von denen, die sich für Ratzinger einsetzten, denn wir merkten, dass das ein sehr feinfühliger Musiker und ein guter Mensch war. Nach dem rätselhaften Tod von Hans Schrems, der ja einen der beiden Konzertchöre leitete, war uns keiner der Bewerber für dessen Nachfolge gut genug, denn wir hatten die höchsten Ansprüche. Und so kam es, dass Ratzinger zu uns sagte: „Dann macht es halt selbst.“ Und als einer der Begabtesten durfte ich damals den Chor in der Osternacht dirigieren, wofür ich mir sogar einen seiner Altisten ausgeliehen habe. Das müssen Sie sich mal vorstellen, diese Chuzpe: Da verlangt ein 18-jähriger vom Domkapellmeister, dass der seinen besten Mann abgibt! Und das lief sehrt gut und ich nehme an, dass das ein gewisses „Aha“-Erlebnis für die spätere Berufswahl gewesen ist. Und nach dem Abitur war klar, was ich werden wollte: Musiker!

Wie sah Ihre Ausbildung aus?

Zuerst mal wollte ich die Einberufung zur Bundeswehr umgehen. Es gab eine Möglichkeit, wenn man sich irgendwo als „unabkömmlich“ erklären lassen konnte. Bei mir war das eine Tätigkeit als Laienpräfekt in einem kirchlichen Internat. Und daneben konnte ich in Frankfurt Schulmusik studieren. Leider wurde dieses Internat kurz vor meinem Dienstantritt geschlossen, so dass ich da erst mal ganz schön alt aussah. Zum Glück tat sich eine andere Stelle auf: In Limburg bei den dortigen Domsingknaben, die in einem Internat ausgebildet wurden, war die Stelle als Assistent von Domkapellmeister Hans Bernhard frei. Ich bekam sie. Die Limburger Domsingknaben waren damals erst drei Jahre alt. Und hier habe ich richtig „losgelegt“ – ohne auf die Uhr zu schauen, denn ich hatte eigentlich nur eine halbe Stelle. Ich gab Stimmbildung, vertrat den Domkapellmeister bei Proben, leitete den neu gegründeten Mädchenchor, half im Internat und in der Organisation erster Konzertreisen. Stimmbildung war mein Ding, mein Traum wechselte regelmäßig von Berufswunsch „Sänger“ zu „Dirigent“. Damit habe ich übrigens nach dem Abitur komplett die Seiten gewechselt: Vorher war ich Sänger im Chor der Regensburger Domspatzen, danach stand ich vor den Sängern in Limburg und habe sie unterrichtet: Chorvorbereitung, Notenarchiv, Verwaltung – was ich hier alles gelernt und kennengelernt habe! Tage- und nächtelang ging das und es war toll, eine spannende Zeit.

Was waren denn Ihre ersten beruflichen Schritte bis zu Ihrer Berufung zum Domkapellmeister in Mainz?

Zwei Jahre war ich Assistent in Limburg, bevor ich mich wieder ernsthafter meinem Studium widmen wollte, um es auch zu einem guten Ende zu bringen. Aber dann bot man mir erst mal einen Stimmbildungsauftrag in Limburg an, was sehr gut ging. Mein Ziel war inzwischen Schulmusiker zu werden, eine feste Beamtenstelle zu haben und nebenher einen Chor zu leiten, in einer mittleren Kleinstadt einen richtigen Oratorien-Chor aufbauen. Das hatte mir übrigens auch mein Vater geraten.

Ihre ersten Schritte gingen mit den Limburgern also bereits in Richtung Knabenchor?

Ja und nein, denn in Limburg bot man mir nun wieder für eine halbes Jahr eine Assistentenstelle an. Hier stellte ich allerdings die Bedingung, dass ich den Mädchen- und den Erwachsenchor übernehme, was ich dann auch tat und da hatte ich unheimlich viel Freude dran. Irgendwann wurde aus der befristeten Anstellung eine unbefristete, denn die Assistenz des Domkapellmeisters wurde vakant. Und nach einem weiteren Urlaubssemester übernahm ich den Knabenchor, denn der Domkapellmeister sollte nun Mädchen- und Erwachsenenchor dirigieren. Ich sagte für drei Jahre zu, brachte mein Studium mit einem passablen Abschluss zum Ende und arbeitete als Domkantor sehr intensiv mit den Limburger Domsingknaben. Ich wohnte in Hadamar, lernte meine Frau kennen, gründete mit ihr eine Familie, bekam drei Kinder. Eigentlich hatte ich an mein Schulmusikstudium ja bei Professor Gründler in Frankfurt noch ein Gesangsstudium angeschlossen – und ich wäre wirklich ein guter Sänger geworden – aber mein Weg führte mich nun mal ans Dirigentenpult.

Wie kamen Sie nach Mainz?

Mit den Limburgern habe ich tolle Sachen gemacht, Preise gewonnen – aber aus internen Gründen war ich dort nicht dauerhaft zufrieden. Und nach 15 Jahren zog es mich an die Universität nach Mainz, wo ich ja auch aktuell noch eine Professur innehabe. Ich lag damals gut im „Rennen“ aber mitten in die Vorbereitungen für diese Stelle bekam ich einen Anruf aus Mainz vom damaligen Domorganisten Albert Schönberger. Er erzählte mir von den Problemen, die es damals mit dem amtierenden Domkapellmeister gab und dass man auf der Nachfolger-Such war. „Wie war’s denn mit eana?“, fragte er mich im breiten Bayerisch. Aber ich wollte ja nicht von Limburg weg, um dann in Mainz wieder Domkantor zu werden – denn meiner Meinung nach lagen damals ja Welten zwischen den beiden Chören! Und da gab es dann das Angebot mit guten Arbeitsbedingungen, Domkapellmeister zu werden. Man hat damals schon heftig um mich geworben – übrigens ausgehend vom Männerchor des Mainzer Domchores. Und so kam ich nach Mainz an den Dom – ausgestattet mit einem Vertrag, der mir einige künstlerische Freiheiten gewährte.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Chorprobe?

Die erste Probe erlebte ich mit dem Knabenchor, denn Kantorei und Mädchenchor gab es damals ja noch nicht. Ich hatte einen großen Erfahrungsschatz in Sachen Knabenchorarbeit – als aktiver Sänger in Regensburg und als Dirigent in Limburg. Ich war also durchaus selbstbewusst, wurde aber mit einer schwierigen Situation konfrontiert: Die Kinder waren verunsichert, denn durch die Verfehlungen meines Vorgängers, die eine Neubesetzung der Stelle nötig gemacht hatten, gab es seitens der Choristen und Eltern natürlich starke Irritationen. Ich stellte mich also vor und musste sofort loslegen, denn mein Beginn in Mainz fiel in die Woche vor der Karwoche. Hier musste ich auf das Repertoire zurückgreifen, das da war und habe einfach eifrig geprobt.

Wie wurden Sie denn aufgenommen?

Von den Choristen neugierig und sehr kooperativ. Woran ich mich hier sehr gut erinnere war ein erster Elternabend, an dem ich gleich in Absprache mit dem Domdekan mit ein paar Sachen aufgeräumt habe. Damals gab es noch „Ostergeld“ für die Sänger – eine Einrichtung, die ich zumindest für diskussionswürdig hielt, denn das war ein wenig nach „Gutsherrenart“ gestaffelt. Ich wollte das abschaffen und das Geld für Chorfahrten und -reisen verwenden. Dafür bekam ich einen Riesenapplaus, denn auch den Eltern war das ein Dorn im Auge gewesen. Das Ganze stammte übrigens aus einer Zeit, in der viele Familien sehr arm waren und für den Knaben von diesem Geld mal einen Anzug kaufen konnten. Ich wollte jetzt aber kein Geld mehr auszahlen, denn die finanzielle Ausstattung der Familien war inzwischen eine andere.

Was war denn hier Ihr erstes Konzert?

Ich fand zwar einen kleinen Chor vor – insgesamt waren es um die vierzig Sänger bei den Knaben, aber in jeder Stimme waren einige recht Begabte dabei. Ich bin den Eltern übrigens heute noch sehr dankbar, die ihre Kinder nach den damaligen Querelen im Chor ließen; diese hatten es übrigens nicht leicht und wurden in ihren Schulen teilweise ganz schön gehänselt. Mit diesen Kindern und den ca. 20 Männerstimmen bestritten wir also gemeinsam unser erstes Singen – in diesem Fall war das ein Stiftsamt im Dom. Das erste richtige Konzert war zwei Monate nach meinem Dienstantritt für die Einweihung der neuen Chagall-Fenster in St. Stephan.

Und erinnern Sie sich auch noch an die Qualität des Konzerts?

Ich bekam tolle Kritiken; die Allgemeine Zeitung schrieb damals: „Wir haben einen völlig verwandelten Domchor gehört.“ Klanglich sinnlicher und stilistisch vielseitig – der Rezensent war hin und weg. Schon damals sangen wir sehr anspruchsvolle Literatur, darunter das „Pater noster“ von Max Baumann; neu war für den Domchor damals die Romantik. Ich war zudem auch ein bisschen stolz, so etwas innerhalb kurzer Zweit – es waren ja nur ein paar Wochen! – erreicht zu haben.

Kann man das mit Ihren heutigen Ansprüchen vergleichen?

Der Weg zum ersten Konzert war sehr mühsam, denn es kostete unglaublich viel Zeit, Motivation und Kraft, neue Stücke zu erlernen. Da hatte ich jedoch eine ziemliche Dynamik – das, was man mir in der Musik nachsagt, das spiegelte sich auch in meiner Arbeitsweise wider. Mein Ziel war, den Chor flexibler im Blattsingen zu machen. Das ist mir auch gelungen. Damals wie heute muss man die Sänger motivieren und ihnen ein positives Echo geben, wenn etwas klappt. Am Anfang war das sicher sehr viel nötiger als heute. Aber es hat funktioniert. Ich konnte dem Chor recht schnell meine klangliche Handschrift geben, denn er war sehr offen – wie auch das Publikum: Im ersten Domkonzert sangen wir nur a cappella, ich führte dann auch unbekannte Mainzer Hofkomponisten auf. Das war bald möglich. Die Qualität und der Anspruch wuchsen aber beständig. 1986 konnte ich bereits das Mozart-Requiem aufführen und das sprach sich dann auch rasch über die Grenzen von Mainz hinaus herum. Sogar der Leiter des renommierten Mainzer Bachchors, Prof. Diethard Hellmann – Vorgänger von Prof. Ralf Otto – rief aus München an und lobte meine Arbeit, die er wohl aufmerksam verfolgte. Er sagte übrigens: „Das schadet gar nicht, wenn das von der Christuskirche jetzt mal ein bisschen an den Dom geht.“ Diese Rückenstärkung tat natürlich enorm gut.

Wie lange hat es denn gedauert, in Mainz heimisch zu werden?

Beruflich hat sich für mich diese Frage nie gestellt. Ich habe mich rein gestürzt und hatte ein Ziel: Ich wollte einen funktionierenden Knaben- und einen Erwachsenenchor – und irgendwann auch einen guten Mädchenchor. Also drei gute Chöre, aus denen sich ein sehr guter Kammerchor herauskristallisieren sollte. Das ist mir alles gelungen. Dabei – und damit auch persönlich – heimisch zu werden, haben mir und meiner Familie die Mainzer sehr geholfen: Hier gibt es ein Publikum, das meine Arbeit mit dem Domchor sehr wohlwollend begleitet hat – nicht nur in der Presse. Das Publikum war begeistert und diesen immer vollen Dom war ich von Limburg her auch nicht gewohnt. Heimisch waren wir hier blitzschnell – das ist einfach diese freundliche, unkomplizierte Mainzer Mentalität und gewinnende Liberalität.

Was hat Sie damals an der Tätigkeit als Domkapellmeister fasziniert und was hat es bis heute getan? Gab es hier Akzentverschiebungen?

Ja, wahrscheinlich. Das erste, was man als Domkapellmeister abzudecken hat, sind die liturgischen Aufgaben am Dom. Die besteht ja fort und ist seit vielen Jahrhunderten bis auf Nuancen unverändert. Ich habe eine sehr große Hochachtung vor der Kirchenmusik durch die Jahrhunderte hindurch. Allerdings setzte ich hier einen neuen Akzent auf die Musik der Gegenwart. Die wollte ich aber nur dann musizieren, wenn sie das Ohr der Menschen nicht beleidigt, mithin also noch immer Musik ist, denn anderes hat für mich keinen Platz in der Liturgie. Das kann ich durchaus auch belegen, denn ich habe viele Auftragskompositionen vergeben und bekam auch, nachdem ich einen gewissen Ruf hatte, viele Anfragen nach Uraufführungen, die ich bei weitem nicht alle erfüllen konnte. Ich habe auch erreicht, dass der Förderverein „Musica Sacra am Hohen Dom zu Mainz“ die Vergabe von Auftragskompositionen jährlich mit einem bestimmten Betrag unterstützt und ermöglicht. Akzentverschiebungen hat es aber nicht in meinem Bestreben gegeben, Chormusik aller Epochen singen zu lassen – das habe ich durchgehalten und hatte immer den Eindruck, dass das Publikum das durchaus respektiert. Geändert habe ich allerdings die Arbeit mit Kindern: Hier verschoben sich die Akzente auch als Reaktion auf Veränderungen in der Gesellschaft. Und da habe ich meine Knabenchorarbeit schon umgestellt: Heute vermeide ich beispielsweise eine Bachmotette, weil ich mit drei Proben in der Woche und dem hohen liturgischen Anspruch Literatur aussuche, die von den Knaben gut zu bewältigen sind. Bedingt durch Ganztagsschule und G8 kommt auch ein anderer Anspruch auf den Chorleiter zu: Sie müssen viel mehr motivieren als früher. Wenn die Jungs nachmittags in die Chorprobe kommen, sind sie oft „platt“, das ist deutlich zu spüren. Aber es gibt zum Glück viel anspruchsvolle Literatur, die ich auch unter diesen erschwerten Umständen realisieren kann und die den Jungs – und den Hörern! – Freude macht.

Was macht die verschiedenen Chöre am Mainzer Dom jeweils aus?

Was die Chöre, die ich hier geleitet habe, eint, war stets ein gemeinsames Klangideal, eine gleiche -vorstellung. Viele suchen bei einem Knabenchor immer das Kindliche und Helle; ich lege eher Wert auf die dunkle und wärmere, somit ergiebigere Klangfärbung, die durchaus etwas Sinnliches hat. Hiermit kann man mehr unterschiedlichere Literatur singen – Bruckner zum Beispiel! Die Unterschiede sind natürlich altersbedingt: Kinder – also Knaben- und Mädchenchor – gehen an die Stücke oft unbefangener ran. Eine Johannespassion beispielsweise klingt mit Jungen gänzlich anders als wenn sie die mit einem Erwachsenenchor singen. Kinder können besser Bilder assoziieren und diese in Musik ausdrücken – sie sind einfach unbefangener, was einen sehr anrühren kann. Die Erwachsenen hingegen können allerdings selbstverständlicher der musikalischen Gesetzgebung folgen: Genauigkeit, Intonation, rhythmische Disziplin. Mit der Unmittelbarkeit von Kinderstimmen können Sie Menschen bewegen und mit der Professionalität von Erwachsenen den kundigen Hörer begeistern. Besonders Ergreifendes kann vor allem dann gelingen, wenn ich mit allen Chören zusammen musiziere: Das mischt sich dann ideal, weil die Grundlage der Stimmbildung und klanglichen Vorstellung identisch ist.

Wo sehen Sie die jeweiligen Herausforderungen an den Dirigenten?

Da bin ich eigentlich immer authentisch geblieben und habe beim Anspruch an die Musik und deren Realisierung wenig Unterschiede zwischen Jugendlichen und Erwachsenen gemacht. Natürlich gibt es Differenzierungen, aber was viel wichtiger ist, ist doch das, was gleich ist: die Anforderung, dass man auch beim Knabenchor versucht, auf Sauberkeit in Intonation und Klang zu achten, die Musik lebendig und eindringlich darzustellen, zu „verkündigen“, die Menschen innerlich zu bewegen. Ein großer Unterschied liegt natürlich in der Erarbeitung und vor allem Erweiterung des Repertoires: Bei Erwachsenen können Sie da einfach schneller voran schreiten als bei Kindern. Bei Kindern muss ich mehr motivieren und bei den Älteren kann ich mehr künstlerisch arbeiten. Beides macht Spaß.

Was war das größte Erlebnis mit dem Mainzer Domchor?

Das ist schwer zu sagen, denn es gibt viele große und damit auch viele „größte“ Erlebnisse. Aber für einen katholischen Chor ist es natürlich etwas besonderes, wenn Sie einen intensiven und direkten Kontakt zum Papst bekommen. Wir waren bei Johannes Paul II., der uns persönlich begrüßte und die Hand geschüttelt hat – ein beeindruckendes Erlebnis. Aber überhaupt nicht zu vergleichen mit der Begegnung mit Papst Benedikt XVI.! Bei ihm kam uns zu Gute, dass eine schon lange zurückliegende persönliche Bekanntschaft da war: Er kennt mich seit seiner Regensburger Zeit; als er in München residierte, war ich mit den Limburgern dort für ein von ihm besuchtes Konzert und wir hatten auch schon in Rom bei ihm gesungen, bevor ihn das Papst-Pontifikat ereilte. Wir wollten also mit dem Mainzer Domchor nach Rom, denn da sollte ein Knabenchor mindestens alle fünf Jahre gewesen sein. Wir fuhren über Silvester in die „ewige Stadt“. So stellte sich die Frage: Wie können wir den Papst treffen? Ich rief also bei seinem Bruder und meinem früheren Chorleiter in Regensburg, Georg Ratzinger, an und plauderte mit ihm auf Bayerisch, wobei ich ihn fragte, ob er über Weihnachten wieder bei seinem Bruder wäre. Das war der Fall und ich sagte ihm, dass wir auch da wären. Ich bot ihm an, für ihn ein Ständchen zu singen. Er freute sich und dann schlug ich ihm vor, er solle doch einfach seinen Bruder mitbringen. Und so passierte es: Wir sangen an Epiphanias im Gottesdienst des Papstes im Petersdom und nachher sind wir durch Geheimgänge in seine Gemächer geführt worden, wo er uns mit einem herzlichen „Grüß Gott beinand!“ willkommen hieß. Wir sangen dann ein paar Weihnachtslieder für seinen Bruder und ihn, unter anderem eine Komposition seines Bruders und dann kam er zu uns, mischte sich unter den Chor – eine warmherzige, sehr persönliche Begegnung mit einem großen Kirchenmann, der eine würdevolle Demut ausstrahlte, die uns alles sehr bewegte. Dies war sicherlich einer der intensivsten Momente in meiner Zeit als Domkapellmeister. Nicht vergessen will ich hier aber auch die Zusammenarbeit mit dem Jugendsinfonieorchester von Haifa, wo wir gemeinsam Beethovens C-Dur-Messe und seine Fantasie für Chor und Klavier aufgeführt haben. Das Orchester war eigentlich schlecht geführt, hatte aber sehr begabte junge Musiker und unsere Zusammenarbeit führte dazu, dass sie wirklich besser wurden. Nach dem Konzert, in dem Domchor und Orchester zur Hochform aufliefen, erfuhr ich von den mitgereisten Eltern, dass viele im Publikum saßen, die zur Nazizeit aus Deutschland nach Israel geflohen waren und jetzt mit Tränen in den Augen ergriffen zuhörten, wie wir mit israelischen und deutschen Jugendlichen gemeinsam Beethoven musizierten. Die kamen hernach zu einem und haben einen umarmt, sie waren glücklich und sehr bewegt! Da habe ich gemerkt, was Musik vermag, wie gemeinsames Musizieren Gräben zuschütten kann.

Und was war das größte Erlebnis mit der Kantorei und dem Kammerchor?

Mit dem Kammerchor waren wir mal auf einer einwöchigen Konzertreise in die Türkei. Da haben wir unter anderem in Ephesos konzertiert. Vor der großen Celsus-Bibliothek war eine Bühne aufgebaut, auf der wir uns aufgestellt haben. Und da wehte ein so wahnsinniger Wind, dass wir gefroren haben wie die Schneider. Aber: Es war ein ganz tolles Konzert mit sehr vielen Zuhörern. Hier in Ephesus zu singen, einem Ort mit einer christlichen Historie, das war schon sehr ergreifend. Mit der Domkantorei sind wir ja auch viel gereist, unter anderem auch nach Israel und Rom. Aber eine besondere Reise war die nach Polen; anfangs stieß das Ziel im Chor auf gar nicht so großes Interesse, wurde dann aber doch zu einer ganz intensiven Erfahrung. Von der theologischen Fakultät der Mainzer Universität gab es Kontakte zu polnischen Hochschulen in Krakau, Warschau, Lublin und Posen. Unsere Sängerinnen und Sänger lernten hier eine ganz andere Welt kennen, denn wir waren nicht in teuren Hotels, sondern in sehr viel einfacheren Studentenwohnheimen untergebracht. Die Domkantorei hat ein ganz eigenes Wesensmerkmal: Sie steigert sich bei Konzertreisen von Auftritt zu Auftritt und erbringt Höchstleistungen, die einen selbst dann auch wiederum beflügelt.

Wie viele Reisen haben Sie mit den Chören am Dom unternommen und wohin ging es?

Die Zahl finde ich gar nicht so wichtig, aber die Länder: Wir waren in Rom und in Israel, in Australien, sind drei Mal nach Amerika gereist, wir haben eine sehr beeindruckende Reise nach Südafrika gemacht. Wir waren in Polen, mehrmals in Russland, in Moskau und St. Petersburg, zweimal in Brasilien, in Kanada, in der Schweiz, in Wien, in Belgien, Spanien, mehrmals in Frankreich und hier in Paris, Lyon, Dijon und Metz…

Was macht eine Chorreise so einzigartig?

Jede Konzertreise ist einzigartig, denn sie lässt den Einzelnen viel lernen, indem sie ihn mitunter auch mit Verhältnissen konfrontiert, die er so überhaupt nicht kennt. Beispielsweise waren unsere Knaben in Südafrika in Privatquartieren untergebracht – und zwar teilweise bei äußerst wohlhabenden Menschen. Einmal kamen welche zu mir und erzählten mit, sie hätten von ihrem Herbergsvater einen richtigen Anschiss gekriegt, weil sie wie selbstverständlich nach dem Frühstück ihr Geschirr abgeräumt hatten und in die Küche bringen wollten: „Dafür haben wir Personal!“, wurde ihnen sehr deutlich gesagt – natürlich waren die Bediensteten Schwarze… Die Jugendlichen sind zwar begeistert von dieser großartigen Reise heimgekommen, haben da aber auch mit der Diskriminierung und Klassengesellschaft ein Problem kennengelernt, das es in ihrer Welt so krass nicht gibt. Ähnlich war es auch in Brasilien. Einzigartig sind also die gemeinsamen Erlebnisse, der gemeinsame Erfolg, das Sich-bewähren-müssen in fremder Umgebung und das bei uns sehr verantwortungsvolle und fürsorgliche Miteinander in der Gemeinschaft des Chores.

Gibt es eine Reise, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ja, und zwar die eben erwähnte nach Südafrika, weil die menschlichen Begegnungen und Erfahrungen so unglaublich intensiv waren. Wir fuhren da mit einem Bus vor und plötzlich standen um das Fahrzeug herum ganz viele farbige Kinder, haben getanzt und gesungen. Unsere Buben sind damals etwas verschüchtert ausgestiegen, aber der Bann war ganz schnell gebrochen. Die Knaben haben die Begeisterung der anderen gespürt und aus der anfänglichen Verzagtheit wurde eine einzige große Freude. Aber auch die Reise nach Australien mit vollen Kirchen und einem sehr kunstsinnigen Publikum war großartig. Man denkt gerne an die Reisen, auf denen ein echter Kontakt entstanden ist. Und das ist fast auf allen unseren Fahrten der Fall gewesen.

Gibt es auch eine Reise, die sie so nicht noch mal machen wollten?

Ja, das war eine Reise mit der Domkantorei nach Prag, wo man überhaupt nicht für das Konzert geworben hatte, sondern nur wollte, dass wir nach dem Auftritt in der dem Kloster angeschlossenen Gaststätte vor Ort für teures Geld essen sollten...

Wo sitzt denn das dankbarste Konzertpublikum des Mainzer Domchors außerhalb des Mainzer Doms?

Vielleicht in Amerika an den High Schools – zumindest ist es das begeistertste Publikum. Die haben da ja traumhafte Verhältnisse mit tollen Konzertsälen und -hallen. Und wenn Sie da auftreten, dann werden Sie wie ein Rockstar bejubelt. Das dankbarste Publikum haben wir aber in St. Petersburg erlebt. Da habe ich auch den dortigen Knabenchor dirigiert: Mozart-Werke, die man vor Ort monatelang einstudiert hatte, da diese Musik dort ja kaum bekannt ist. Und bei unserer ersten Reise noch vor der Wende – das war ziemlich am Anfang meiner Mainzer Zeit – ging es nach Moskau und St. Petersburg, damals noch Leningrad. Da hatte man ja seit 50 Jahren keine geistliche Musik von Mozart mehr gehört und wir hatten – gemeinsam mit dem Mainzer Domorchester – das „Requiem“ und die „Krönungsmesse“ im Gepäck. Ich hatte noch nie einen so lang anhaltenden Applaus bekommen.

Gehen wir zurück nach Mainz: Inwiefern lässt sich das Musizieren am Dom noch mit der Zeit Ihres Beginns in Mainz vergleichen?

Das kann man eigentlich nur für den Domchor beantworten, denn die anderen Chöre habe ich ja erst später gegründet. Aber hier gibt es schon große Unterschiede. Vom Oktober bis Juli musste der Domchor früher jeden Sonntag singen, plus alle hohen Feiertage, plus die Vespern. Also befand man sich richtiggehend in einem Korsett, das gar nicht zuließ, das Repertoire großartig zu ändern, geschweige denn ein Konzert einzuschieben, es sei denn mit dem Repertoire, das man ohnehin schon die ganze Zeit singt. Das hatte mich gleich zu Beginn kolossal gestört und ich sorgte dafür, dass der Chor eben nicht jeden Sonntag singen muss, sondern dass hier auch die Choral-Schola des Priesterseminars zum Zuge kam und die Jungs somit einen Sonntag im Monat frei hatten. Dann habe ich ziemlich schnell den Erwachsenenchor gegründet und ein paar Jahre später noch den Mädchenchor, so dass die musikalischen Aufgaben am Dom auf drei Chöre verteilt werden konnten. Das hat natürlich die Musica Sacra entsprechend geändert, denn es gab jetzt einfach mehr Abwechslung. Jeder Chor hat sein spezifisches Repertoire. Und das habe ich beim Knabenchor sehr erweitert, zum Beispiel mit Musik von Mainzer Hofkomponisten und in Richtung Romantik, wofür ja ein Knabenchor geradezu prädestiniert ist. Einen weiteren Aspekt legte ich schon immer auch auf zeitgenössische Musik. Insofern hat sich das Spektrum der Musica Sacra sehr verändert.

Welche Rolle spielt die Musik heute im Dom?

Die Musik spielt heute sicherlich eine wesentlich größere Rolle als früher. Im Gottesdienst war immer das Bestreben da, ein hohes Niveau zu halten, seit Bischof Ketteler den Knabenchor gegründet hatte. Das Domkapitel hatte seit jeher dafür zu sorgen, dass es am Dom eine gute Liturgie gibt – und dazu gehört auch eine gute Musik. Das Bestreben war spürbar und ich hatte hier nie Probleme mit guter und anspruchsvoller Musik die Liturgie mit zu gestalten. Aber mir war die musikalische Verkündigung auch außerhalb der Gottesdienste sehr wichtig. Wir haben die Domkonzerte eingeführt und die geistlichen Abendmusiken, die heute „Cantate Domino“ heißen. Wir haben renommierte Gastchöre wie die Regensburger Domspatzen, den Windsbacher Knabenchor oder den Weltjugendchor eingeladen. Ich habe hier der nationalen wie der internationalen Chorszene Tür und Tor geöffnet. Und auch die Medien haben Einzug gehalten: Wir haben viele CD-Aufnahmen in dieser Zeit gemacht, das ZDF und der SWR waren häufig im Dom und haben mitgeschnitten und aufgezeichnet.

Wie füllen die Menschen, die hier ehrenamtlich und engagiert Musik machen, diese Rolle aus?

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, dann verspüre ich meinen Sängern und Instrumentalisten gegenüber ein ganz großes Gefühl der Dankbarkeit. Vor allem den Buben gegenüber, denn die haben drei Mal pro Woche Chorprobe und singen auch regelmäßig im Gottesdienst – allein dieser zeitliche Aufwand ist wirklich beachtlich! Es ist wunderbar, dass es so viele Menschen gibt, die das auf sich nehmen. Die Mädchen proben zwei Mal und die Erwachsenen ein Mal wöchentlich und auch das ist sehr bewundernswert. Aber was viele nicht sehen: Hinter jedem Jungen und Mädchen stehen Eltern und eine Familie, die sich nach dem Terminplan des Domchors oder des Mädchenchors richten müssen. Das betrifft auch die Urlaubsplanung. Auch die Familien der erwachsenen Sänger und -innen ziehen da mit und sind dazu bereit! Das ist schon toll. Ohne den familiären Rückhalt und diese Unterstützung wäre die Musica Sacra in ihrer heutigen Form nicht denkbar.

Wo sehen Sie die Herausforderungen in der Zukunft?

Mädchen- und Knabenchor sind aktuell sehr gut aufgestellt, aus ihren Reihen gibt es auch immer wieder Nachrücker für die Domkantorei. Herausforderungen sehe ich daher vor allem in der Kirche, denn ihr Einfluss in der Gesellschaft nimmt immer mehr ab. Daher ist eine Institution wie der Domchor auch nicht mehr ganz so selbstverständlich wie früher und so muss er seine Attraktivität auch durch sein Angebot an Jugendarbeit wie auch sein Bildungsangebot unterstreichen: Hier wird so viel Christliches vermittelt wie sonst nirgends, in keiner Jugendgruppe und keiner Pfadfindergruppe. Gerade in den Chören am Dom werden vor allem die Jugendlichen sehr intensiv mit der christlichen Botschaft konfrontiert. Zum Beispiel übersetzen wir jede lateinische Motette und erklären sie. Oder wenn wir eine Passion oder das Weihnachtsoratorium von Bach einstudieren, können wir den Kindern viel an Theologie vermitteln. Die Herausforderung besteht darin, hier ein hohes Level zu halten. Wenn Sie einem Kind immer nur Sahnetorte vorsetzen, wird ihm schlecht – ein Mensch braucht auch das Graubrot und damit meine ich die Nahrung, die man kauen muss und die Substanz hat! Hier bietet die Musik große Chancen.

Was wünschen Sie hier Ihrem Nachfolger Karsten Storck?

Zunächst einmal Verständnis und vor allem Wohlwollen von seinen Vorgesetzten – vor allem einen intensiven Gesprächsaustausch, den ich hier leider schmerzlich vermisst habe. Das Wohlwollen war da, keine Frage; aber die Kommunikation könnte sehr viel besser sein. Und dass sich hier etwas ändert, dass sich das Domkapitel mehr für unsere Arbeit interessiert, damit übrigens auch das christlich-soziale Potential, das in unseren Chören steckt, noch mehr entdeckt wird, das wünsche ich Herrn Storck von Herzen. Dann natürlich allzeit volle Chöre, guten Nachwuchs und weiterhin die Begeisterung der Mainzer für „ihren“ Domchor! Und ich wünsche ihm, dass seine Freude am Tun nie erlahmt, denn wenn man von dem, was man tut, begeistert ist, dann überträgt sich das.

Auf Herrn Storck warten sicherlich große Herausforderungen, denn Chorarbeit mit Kindern und Jugendlichen ist ja immer auch ein Stück weit Erziehung. Mit welchem Ansatz und Ziel haben Sie diese Aufgabe realisiert?

Da darf man sich nichts vormachen und muss ganz ehrlich sein: Das erste Ziel ist, dass man mit den Kindern, mit denen man arbeitet, gute Musik machen kann. Das bringt natürlich eine Menge mit sich, denn auf dem Weg zu einem guten musikalischen Ergebnis wird ja unglaublich viel mit vermittelt, was man als Chorleiter natürlich nicht aus den Augen verlieren darf. Es gibt empirische Untersuchungen, die belegen, dass Musik bei Kindern Intelligenz und soziale Kompetenz fördert. „Subkutan“ wird Vieles mitgegeben, was erst später Früchte trägt und wertvoll ist: Durchhaltevermögen, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbereitschaft, Dienstbereitschaft, Wertebewusstsein – um nur einige Tugenden aufzuzählen, ohne die ein Chor mit hohem Niveau nicht auskäme.

Können Sie hier ein für den Domchor spezifisches Beispiel nennen?

Wenn wir die Kinder aufnehmen und sie nach der Chorvorbereitung in den Domchor kommen, dann bekommen sie einen Paten: Ein Älterer übernimmt Verantwortung für einen Jüngeren. Oder: Während des Stimmbruchs übernehmen die Buben den Messdiener-Dienst. Wir üben das richtiggehend, also Rücksichtnahme, Tischmanieren, Pünktlichkeit, äußere Erscheinung – das sind viele Kleinigkeiten, die aber in der Summe prägen. Unsere Männerstimmen sind wirklich phantastisch darin, ohne großes Aufhebens dafür zu sorgen, dass auf Reisen die Podeste und die Noten dabei sind; die stellen da, wo wir dann singen, von selber die Stühle auf. Das fasziniert mich richtiggehend. Außerdem kümmern sich unsere Männerstimmen wie selbstverständlich um die Jungs, wenn es auf Reisen geht: immer zwei „Große“ sind für sechs „Kleine“ verantwortlich.

Was kann ein Jugendlicher und später Erwachsener in den Chören am Dom außer Singen lernen?

Neben der sozialen Kompetenz sind es vor allem Primärtugenden: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Verantwortung zu übernehmen – das sind Dinge, die heute nicht mehr selbstverständlich sind. Da erzieht sich die Gruppe übrigens auch gegenseitig. Und dann erlebt man natürlich unheimlich viel – was die Knaben in jungen Jahren auf den Reisen schon mitbekommen. Ich habe immer dafür gesorgt, dass die Kinder auf den Konzertreisen auch viel von Land und Leuten kennenlernen. Durch das Singen in den Chören erweitern gerade die Kinder ihren Horizont ungemein. Ein anderer spannender Aspekt ist hier übrigens, dass das Singen der Kinder im Dom auch den Horizont ihrer Eltern verändern und erweitern kann.

Welchen Anteil hat hieran die Musik?

Musik hat etwas Verbindendes, vor allem wenn man sie gemeinsam macht. Musik kann die Menschen zusammenbringen, sie disziplinieren, zu etwas Schönem führen. Das spüren die Kinder. Ich habe den Jungs mal Folgendes erzählt: „Wenn Ihr Fußball spielt und ein Tor schießt, freuen sich nur die Anhänger von Eurer Mannschaft, während die anderen sauer sind. Wenn Ihr singt, freuen sich alle Menschen.“ Das klingt ganz banal, aber es stimmt. Musik kann begeistern, dankbar machen: Die Kinder sind immer wieder beindruckt, wenn sie einen großen Applaus bekommen und das Publikum auch aufsteht, wenn der Chor nach dem Konzert auszieht. Da lernen sie Respekt, indem sie Respekt bekommen.

Wie kann die Musik einen Menschen erziehen oder besser: formen?

Musik kann noch mehr als der Sport in einem unglaublichen Maße Brücken bauen. Ein Beispiel aus meiner Zeit als Leiter der Limburger Domsingknaben: Wir waren noch zu Zeiten des Kommunismus in Polen der erste kirchliche Chor, der auf kirchliche Einladung dorthin gereist ist. Und dort haben wir in Kirchen gesungen, die brechend voll waren – obwohl hier keine Werbung gemacht worden war und keine Plakate aufgehängt werden durften. In der Warschauer Kathedrale war das erste Konzert, wo ich von Hessenberg die Motette „Mache mich zum Werkzeug Deines Friedens“ auf das Programm gesetzt hatte. Unsere Programme mit der polnischen Übersetzung hatten wir unten im Bus versteckt und sie den Zuhöreren in die Hand gedrückt. Die Leute, Tausende, waren wie vom Donner gerührt und waren zutiefst von Hessenbergs Musik zu diesem in dieser Situation bewegenden Text ergriffen, haben unendlich lange applaudiert, draußen die Jungs gedrückt. Das kann nur die Musik ermöglichen.

Funktioniert dieses Formen im Chor besser als an einem Instrument?

Ja, denn im Chor ist das etwas Gemeinschaftliches, während ich am Instrument ja ein Einzelkämpfer bin. Nicht jeder im Chor ist gleich begabt und manche sind vielleicht auch eher Mitläufer und haben weniger Anteil am Gelingen als andere – aber auch die identifizieren sich mit der Gesamtleistung. Ich bin aber auch sehr dafür, dass jeder im Chor ein Instrument spielt, um seine eigenen Grenzen zu kennen und vielleicht dann ja auch zu überwinden.

Während dieses Gespräches spürt man, dass Ihre Jahre als Domkapellmeister in Mainz für Sie eine erfüllende Zeit waren. Spüren Sie Dankbarkeit?

Ja, unendlich viel! Ein tiefes Gefühl großer Dankbarkeit denen gegenüber, die mit mir musikalisch gearbeitet haben und mir dabei gefolgt sind. Dankbar den Eltern und Familien gegenüber – und auch dem Mainzer Publikum dafür, dass es uns all die Jahre getragen und mit seiner Begeisterung immer wieder motiviert hat. In Mainz ist das Publikum sehr neugierig und lässt sich von Bekanntem und Unbekanntem begeistern. Sehr zu danken habe ich allen, die mit mir so engagiert und opferbereit als Mitarbeiter „gekämpft“ haben – da ist sehr viel Herzblut dabei gewesen! Es ist sehr schön, zu wissen, dass alle meine Assistenten und Domkantoren mittlerweile zu Domkapellmeistern avanciert sind und nun auch noch mein Sohn Clemens als Domchordirektor in Osnabrück Fuß gefasst hat. Ich bin dankbar, weil ich weiß, dass vieles von dem, wofür ich in der Kirchenmusik stehe, weiter geht.

An wen richten Sie diesen Dank besonders?

Ganz privat und zuerst an unsern Herrgott. Und dann natürlich an meine Familie! Wo gibt es denn so etwas, dass sich die Frau in den Chören heftig engagiert, dass alle drei Kinder gerne und freiwillig mitgesungen haben?! Und schon sind wir bei den Sängern, denen ich sehr dankbar bin. Wenn man das mal überschlägt, dürften das weit über tausend Sängerinnen und Sänger gewesen sein, die die Chöre durchlaufen und meinen Weg gekreuzt haben. Dankbar bin ich auch unserem Kardinal, der seine Hand immer schützend über uns gehalten hat und all den Geistlichen, die Verantwortung für uns hatten und diese auch gerne und warmherzig wahrgenommen haben.

Haben Sie auch etwas vermisst oder gibt es etwas, für dass die gerne noch dankbarer wären?

Es wäre schön, wenn man den Wert dieser großartigen ehrenamtlichen Tätigkeit, die unsere Chöre hier vollbringen, nicht immer nur benennen würde, sondern auch der Verantwortung dafür ein bisschen mehr gerecht würde. Die Unterstützung ist da, aber das Interesse der Geistlichkeit an dieser Jugendarbeit könnte gerne noch größer sein.

Erlauben Sie uns auch einen Blick in Ihre künstlerische Zukunft? Wer Sie kennt, weiß, dass Ruhestand für Sie ein Fremdwort ist…

Ich bleibe am Mainz und hoffe klammheimlich, dass man mich nicht vergisst und dass sich Möglichkeiten ergeben, das eine oder andere Mal noch den Taktstock zu schwingen – allerdings ohne, dass ich meinem Nachfolger am Dom ins Gehege komme! Im ersten Halbjahr werde ich daher im Dom so gut wie unsichtbar sein, da besuche ich anderswo die Gottesdienste. Bis 2015 nehme ich noch meine Lehrtätigkeit an der Musikhochschule wahr, weil mir das großen Spaß macht. Schon In der Vorbereitung steht ein Mainzer Chorbuch, das ich beim Schott-Verlag herausgeben werde. Und ich werde in Kürze mit der Niederschrift an meiner zahlreichen Erinnerungen über 42 Jahre Dienst an der Kirchenmusik beginnen...

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