Die Chöre am Mainzer Dom am Staatstheater (08/2013)

Immer wieder gastieren Sängerinnen und Sänger der Chöre am Mainzer Dom unweit ihrer eigentlichen musikalischen Wirkungsstätte am Mainzer Staatstheater. In der Spielzeit 2013/2014 sind es Knabenstimmen des Mainzer Domchores und junge Damen des Mädchenchores am Dom und St. Quintin, die in der Oper „Mefistofele“ von Arrigo Boito zwei wichtige Auftritte haben.

Ohne dem Dichterfürsten zu nahe treten zu wollen: Sein „Faust I“ (und schon gar nicht sein „Faust II“) wird kaum zu den bevorzugten Lesestoffen von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen neun und 15 Jahren gehören. Es sei denn, sie singen im Mainzer Domchor oder dem Mädchenchor am Dom und St. Quintin und gehören zur „Theatertruppe“ der Musica sacra. Dann ist auch Goethes „Faust“ für sie interessant – zumindest in Form der Oper „Mefistofele“ von Arrigo Boito. Sie steht auf dem aktuellen Spielplan des Mainzer Staatstheaters – und für sie braucht Regisseur Lorenzo Fiori einen Kinderchor.

Dass der Künstler einen Steinwurf weit entfernt fündig wird, garantiert die jahrelange Zusammenarbeit zwischen Hohem Dom und Musentempel. In der Vergangenheit wirkten Sänger der Domchöre bereits an zahlreichen Inszenierungen mit: Mozarts „Zauberflöte“, Wagners „Parsifal“, Humperdincks „Hänsel und Gretel“ oder „Wozzek“ von Alban Berg. Bei Boito sind Cherubini, also Engelschöre zu singen.

Rund acht Monate vor der Premiere klingelte im Chorhaus am Dom das Telefon und Domkapellmeister Karsten Storck musste die Anfrage abwägen: Hat er aktuell geeignete Kinder in seinen Chören, um am „Mefistofele“ mitzuarbeiten? Und wenn die können und wollen, erlauben Eltern und Schulalltag ein Engagement? In der Probenarbeit erarbeitete Storck dann nicht nur Text und Noten, sondern erklärte dem jungen Opernchor auch die Werkzusammenhänge.

Somit ist für die Kinder aus den Domchören die jungen Menschen eher (noch) unbekannte Welt der Oper längst kein Neuland mehr – im Gegenteil: Sie lernen den Kosmos des Theaters kennen, entdecken Musik und Sprache, Oper und Schauspiel, erleben die Arbeiten von und mit Regisseuren, Kostüm- und Maskenbildnern, fremden Autoritäten, Künstlern. Und zwar mit Begeisterung!

Szenenwechsel: Rund 24 Mädchen und Jungen haben sich heute auf der Probenbühne III des Staatstheaters eingefunden. Eine zweite Besetzung mit zwei Dutzend Kindern hat heute frei. Regisseur Fiori samt Korrepetitor und Kapellmeister Zilias agieren im Vordergrund, Storck und Domkantor Matthias Bartsch geben die Zaungäste – nicht ohne gestisch und mimisch genauere Aussprache oder ein Forte einzufordern. Wenn später GMD Hermann Bäumer am Pult stehen wird, muss schließlich musikalisch alles sitzen. Mit dem hat der Chor übrigens eine Wette laufen: Wer kann wohl kurz vor der Aufführung den italienischen Text schneller aussprechen?

Storck arbeitet seit Juni in samstäglichen Sonderproben: Neben der üblichen Chorarbeit heißt das für die jungen Sängerinnen und Sänger eine zeitliche Mehrbelastung von gut 40 Stunden, nicht zu vergessen später die die abendlichen Aufführungen. All das will auch von den Familien mitgetragen werden und muss vom Chorbüro organisiert sowie mit dem Theater abgestimmt werden. Als Belohnung gibt es immerhin ermäßigten Eintritt für die Eltern und ein kleines Honorar. Ansonsten gilt: l’art pour l’art – und natürlich für das Mainzer Publikum.

Zurück auf die Bühne: Hier probt Regisseur Fiori eine Szene: „Es fängt an zu tröpfeln, haltet mal Eure Hände so hin, als würdet Ihr den Regen spüren.“ Dann ist ein Ringelreihen zu tanzen, Lennart muss in die Luft zeigen und Alexandra als erste losrennen. Dann muss Phillip einen Apfel werfen, andere sollen ihn fangen. Und dann werden irgendwie auch noch Papierkügelchen zum Einsatz kommen – Momentaufnahmen einer Theaterprobe.

Text und Noten für ihre beiden Auftritte können die Kinder natürlich auswendig – wie „richtige“ Schauspieler, zu denen sie letztendlich ja auch avancieren. Vielleicht schnuppert ja die eine oder der andere hier und heute ein wenig Theaterluft, die in ihm oder ihr den Wunsch reifen lassen, auch später mal auf jenen Brettern zu stehen, die für viele die Welt bedeuten? Zumindest am Mainzer Staatstheater kennt man sich ja schon aus...

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