Domkapellmeister Storck erzählt von den ersten Monaten im Amt (03/2013)

Seit dem 1. August 2012 ist Karsten Storck im Amt des Mainzer Domkapellmeisters. Dass er der richtige Mann am richtigen Platz ist, zeigten nicht nur die ersten gelungenen Konzerte. Wie er selbst die vergangenen Wochen und Monate sieht, erzählt er im Gespräch.

Herr Storck, Sie sind jetzt über ein halben Jahr im Amt – was hat sich in Ihrem Lebensalltag dadurch verändert?

Es hat sich verändert, dass ich an den Vormittagen wesentlich mehr verpflichtende Termine habe was Gremienarbeit angeht, was Sitzungen angeht. Ich musste in den ersten Wochen lernen, mich noch besser zu organisieren – das war eine erste neue Erfahrung im beruflichen Bereich. Und auch privat gab es Veränderungen (grinst): Da meine Frau wieder angefangen hat zu arbeiten und der Schulalltag einer Lehrerein ja bereits um 8 Uhr beginnt, habe ich unseren kleinen Junior die ersten zwei Stunden des Tages. Und da muss ich eben all das machen, was ein Papa morgens machen muss. Um 9 Uhr geht dann der Büroalltag los.

Ein Rezensent eines Konzerts vermutete mal, dass Ihnen die Leitung des Mädchenchores näher läge als die des Knabenchores. In jüngsten Besprechungen durfte man jedoch das Gegenteil lesen. Inwiefern ist denn gerade der Domchor mittlerweile zu Ihrem Instrument geworden?

Also das ist eine der phänomenalsten Erfahrungen, die ich je in meinem Leben gemacht habe, denn ich hatte durchaus auch Angst vor diesem Moment. schließlich bin ich jetzt voll für diesen Chor verantwortlich – nicht nur pädagogisch, sondern auch künstlerisch. Es war erstaunlich, wie unproblematisch und letztendlich einfach die Jungs versuchen, sich auf mich einzustellen und die Wege, die ich jetzt vielleicht auch ein bisschen anders als vorher einschlagen will, mitzugehen. Ich hatte eigentlich gedacht, dass dieser Prozess viel länger dauert. Es ist schon faszinierend. Und was in der Probenarbeit am meisten Spaß macht, denn das sind ja alles junge, intelligente Kerle, sind die positiven Rückmeldungen am Ende einer Probe. Das zeigt eben auch das Schöne an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, dass Wechsel an der Spitze der Ensembles wie ja auch ein Lehrerwechsel ein fast schon natürlicher Vorgang ist: Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche sich viel leichter auf jemanden Neues einstellen können als Erwachsene.

Rückblickend – auch im Hinblick auf die ersten hervorragenden Konzerte – kann man fast den Eindruck bekommen, als hätten sie nur darauf gewartet, den Domchor übernehmen zu dürfen…

Ja natürlich! Das letzte Jahr war in der ersten Hälfte ein sehr schwieriges für mich, bis das Domkapitel sich letztendlich für mich entschieden hatte. Aber als dann klar war, dass ich loslegen darf, war das natürlich mein sehnlichster Wunsch und da habe ich schon gebrannt! Man muss gerechterweise aber auch sagen, dass ich derzeit im Chor großes Glück habe: Im Sopran habe ich eine sehr stabile Gruppe von 13- und 14-jährigen, die eben noch nicht im Stimmbruch sind. Die Jungs haben die Schule von Mathias Breitschaft mitbekommen und können jetzt das, was ich anders machen möchte, dadurch auch gut und schnell umsetzen. Das ist ein echtes Geschenk und hat den Wechsel auch beflügelt.

Ihre ersten beiden Konzerte waren großartige Erfolge. Haben Sie damit gerechnet, so schnell in Ihre Aufgabe als Domkapellmeister zu finden?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Vor meinem Antrittskonzert hatte ich ganz gewaltigen Respekt, da es ja ein A cappella-Konzert war und der Domchor zuvor eher oratorische und eben orchesterbegleitete Konzerte gesungen hatte. Der Dom war gefüllt mit Gottesdienstbesuchern, Konzertbesuchern, Angehörigen, Kollegen und durchaus auch kritischen Hörern – ein echtes Haifischbecken (lacht). Ich bin heute noch sehr froh, dass das so gut funktioniert hat und die Chöre sich so gut präsentiert haben. Und auch im Weihnachtskonzerthabe ich schon in den Proben gemerkt, dass wir wirklich Musik machen können. Und etwas Schöneres kann es einfach nicht geben!

Sie haben die Leitung eines Knabenchores mal als „Königsklasse“ bezeichnet. Warum?

Wenn man von den traditionellen Chorgattungen ausgeht, also Knaben-, Mädchen- und Kinder- sowie Erwachsenenchor hat jedes Ensemble seine eigenen Herausforderungen. Aber mit einem Knabenchor die Literatur zu machen, die man normalerweise eher mit einem Erwachsenenchor macht und das auf einem Niveau, das mit einem Laienensemble eigentlich gar nicht möglich ist, das ist einfach die größte Herausforderung! Ohne meinen erwachsenen Sängerinnen und Sängern zu nahe treten zu wollen: Man kriegt mit keinem Ensemble so einen schönen Klang hin wie mit einem Knabenchor! Die Knabenstimme klingt einfach am präsentesten. Und das gilt vor allem eben für das klassische Repertoire. Viele Stücke sind ja auch originär für Knabenchor geschrieben worden; ich bin mir ziemlich sicher, dass Bach oder Palaestrina einige Werke anders komponiert hätten, wenn sie eben einen gemischten Chor vor sich gehabt hätten. Und das dann mit Jungs einzustudieren, die raufen oder Fußball spielen wollen, die Bewegungsdrang haben, das ist eine ganz spannende Aufgabe: dieser Spagat zwischen dem, was ich eigentlich möchte und was künstlerisch machbar ist.

Worin unterscheidet sich das Arbeiten mit Jungs von dem mit Mädchen – oder jetzt auch den erwachsenen Sängerinnen und Sängern in der Domkantorei?

Das wesentliche ist, dass die Arbeit im Knabenchor sehr frontal und direkt ist: Man gibt was rein und kriegt das zurück. Im Mädchenchor braucht es ein paar subtilere Mechanismen, da muss man Stimmungen ausloten. Und im Erwachsenenchor ändert sich die Frontalsituation dahingehend, dass man eben 90 erwachsene Menschen vor sich hat, die in Berufen stehen, wo sie teilweise auch Führungspositionen bekleiden; und mit denen muss man eben wieder anders umgehen als mit Kindern. Wobei ich an den Jungs von der Generation her ja noch näher dran bin. Nicht, dass sich das gegenüber der Domkantorei in irgendeiner Weise negativ auswirkt – aber mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten hält jung und macht jung, ohne sich anzubiedern.

Was passiert jetzt mit dem Mädchenchor, dessen Wachsen und Qualität vor allem mit Ihrer Person verbunden ist?

Die Arbeit im Mädchenchor wird sehr gut weitergehen – dafür stehe ich. Und dafür haben wir einen neuen, ganz professionellen Kollegen zu uns geholt, der eine exorbitant gute Ausbildung vorweisen kann: Seit dem 1. Januar 2013 arbeitet Matthias Bartsch als Leiter des Mädchenchores. Und hierfür hat er tolle Referenzen, denn er war jahrelang Assistent von Raimund Wippermann, dem künstlerischen Leiter des Mädchenchores am Essener Dom – nach meinem Erachten in der deutschsprachigen Kathedralszene das beste Ensemble dieser Art. Und deshalb wird das auch bei uns auf einem sehr hohen Niveau weitergehen. Allerdings werden wir in der Struktur des Mädchenchores einiges ändern, denn im Moment ist es ja noch so, dass 140 Mädchen zusammen proben: Die jüngste ist acht, die älteste 22. Und da müssen wir überlegen, ob es sinnvoll ist, den Chor in altersgerechte Gruppen zu unterteilen, um speziell auf die Bedürfnisse der einzelnen Altersklassen eingehen zu können.

Die Stärke des Mädchenchores am Dom und St. Quintin ist beachtlich. Wie sieht es mit Quantität und vor allem Qualität des Nachwuchses im Domchor aus?

Da kann ich dem lieben Gott eigentlich nur dankbar sein, denn als ich im letzten August durch die dritten Grundschulklassen ging und Singstunden gehalten habe, konnte ich danach viele begabte und engagierte Jungs zu einem Gespräch einladen. Da habe ich über 40 Rückmeldungen erhalten und davon haben jetzt 40 im Vorbereitungskurs des Domchors angefangen – mein Schulbesuch fand übrigens in der Woche statt als die AZ titelte, dass Fußballvereine ihre Leistungsabteilungen zumachten. Und bei uns sind das ja nicht nur die Jungs, sondern dahinter stehen ja auch Familien, die das alles mittragen. In Zahlen ausgedrückt sieht das aktuell so aus: Der Domchor besteht aktuell aus 75 Knaben im Hauptchor, 40 im Vorbereitungskurs, rund 15 Exkantoristen, die derzeit im Stimmbruch sind und 36 Männerstimmen, so dass wir derzeit richtig gut aufgestellt sind. Quantitativ stimmt es also und qualitativ müssen wir jetzt eben schauen, was mit G8, Ganztagsschule und frühem Stimmbruch zu realisieren ist. Aber ich sehe der Zukunft ganz gelassen entgegen.

Auf den Programmen der näheren Zukunft stehen dankenswerterweise Werke abseits ausgetretener Pfade in den Konzertsaal. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Inhalte?

Die A cappella-Konzerte sind ja immer mehr oder weniger auch an eine liturgische Zeit gebunden. Und das ist dann die erste Prämisse: Welche Werke passen beispielsweise in die Fastenzeit? Jüngst hatten wir daher ein Konzert mit verschiedenen Vertonungen des 130. Psalms. Am 17. März 2013 führen wir eine Johannespassion auf – aber nicht von Bach, sondern von Arvo Pärt. Und darauf bin ich gekommen, weil ich mich mit dieser Musik schon unheimlich lange beschäftigt habe. Diese Johannespassion wurde in Mainz glaube ich noch nicht aufgeführt. Das ist mein zweites Kriterium: Was könnte für die Konzertbesucher neu sein? In der zweiten Jahreshälfte gibt es dann zum Abschluss des Verdi-Jahres sein Requiem – das ist dann zwar nichts Neues für das Mainzer Publikum, aber es bietet sich einfach an! Und Weihnachten mache ich als Hauptwerk das Magnificat von Bach, weil es einer der Werke ist, die mich mein Leben lang begleitet haben: als Sänger im Knabenchor, als Student und als Musiker. Und dann gibt es natürlich noch zwei weitere Argumente: Was kann ich finanzieren? Und was können unsere Chöre leisten neben ihrer liturgischen Aufgabe, auf die das Domkapitel zu Recht großen Wert legt.

Am 31. Juli 2103 sind Sie ein Jahr im Amt. Was haben Sie aktuell hier für Wünsche?

Der Grundwunsch, den ich nicht müde werde zu erwähnen, ist, dass es so weitergeht, dass uns die Menschen, das Publikum, die Mainzer Bürgerinnen und Bürger gewogen bleiben und weiter mittragen. Und dann muss man bedenken, dass wir in allen Chören über 400 Sängerinnen und Sänger haben, wo es natürlich die eine oder andere persönliche oder gesundheitliche Krise gibt – das bekomme ich als Leiter der Institution natürlich mit, weil sich mir die Menschen anvertrauen. Da ist mein Wunsch natürlich, dass wir alle gesund bleiben und dass wir zuversichtlich, frohen Herzens, gefüllt mit Musik und gekräftigt durch sie in die nächsten Jahre gehen können. Das ist ja nicht selbstverständlich. Mein musikalischer Wunsch ist, sowohl meine Chöre als auch unser Publikum mit spannender Musik zu fesseln und dass es mir gelingt, sowohl Neues zu wagen als auch den Schatz der Kirchenmusik zu pflegen. Und dann hoffe ich natürlich, dass mir und uns das Domkapitel gewogen bleibt und geistig, geistlich, theologisch, ideell und auch materiell so wie in der Vergangenheit weiter unterstützt.

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