„Königin“ aus England in St. Quintin (03/2012)

Von 2003 bis 2010 stand auf der Orgelempore von St. Quintin die Barockorgel des Mainzer Orgelbauers Kohlhaas, die dieser 1747, drei Jahre vor dem Tod Johann Sebastian Bachs, fertigte. Jenes Instrument wurde 1993 im Anschluss an eine Ausstellung im Diözesanmuseum zunächst für zehn Jahre eingelagert und dann für sieben Jahre in St. Quintin gespielt. Im Sommer 2010 transferierte man die Orgel an ihren ursprünglichen Ort in St. Pankratius in Budenheim.

 

Aber die gotische Hallenkirche St. Quintin ohne eigenes Instrument? Ein entschiedenes „Nein“ formulierte ein reges Gremium um Pfarrer Dr. Franz Rudolf Weinert, Organist Thomas Höpp, Domkantor Karsten Storck, der Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Verena Sarnjai sowie Gemeindemitglieder und den Orgelsachverständigen der Bistümer Mainz und Limburg, Dr. Achim Seip.

Doch wie findet man eine geeignete – und vor allem bezahlbare – Orgel? Im Internet? „Das wäre ein Weg gewesen, aber wir haben uns für eine andere Lösung entschieden“, erklärt Domkantor Karsten Storck und blickt stolz auf das Prospekt der „neuen“, gebrauchten Instrumenten-Königin auf der Orgelempore in St. Quintin.

Hierfür ging der Musiker mit offenen Augen und Ohren auf Reisen – genauer zu Konzerten im Rahmen der Internationalen Orgelfestwochen Rheinland-Pfalz. In Gackenbach lernte er durch Zufall das Schwesterinstrument der „neuen Orgel“ von St. Quintin kennen und war von der Klangschönheit der betagten Dame sofort angetan. Die „Königin“ aus England ist über hundert Jahre alt und war bis dato bei der Orgelbaufirma Krawinkel mit Sitz in Trendelburg-Deisel, die sich einen Namen in der Restauration britischer Klangmonarchinnen gemacht hat, eingelagert.

Hier hatte man im Übrigen das viel zitierte Glück im Unglück: Durch zahlreiche Kirchenschließungen auf den britischen Inseln stehen auch zahlreiche Orgeln zum Verkauf. Diese Instrumente sind laut Dr. Achim Seip in der Regel „von hervorragender handwerklicher und musikalischer Qualität“. Da die Orgeln meist eine kompakte Bauart haben, passt die Nelson-Orgel perfekt auf die Orgelempore in St. Quintin. Mit seinem neogotischem Prospekt wirkt das Instrument dezent und zurückhaltend.

Das Ergebnis lässt sich aber durchaus hören: Von einem neuen Instrument kann man es rein optisch kaum unterscheiden. Krawinkel hat der Orgel, die zuvor nur ein Frontalprospekt hatte, zwei Seitenprospekte hinzugefügt. Außerdem wurde das Pfeifenwerk des zweimanualigen Tasteninstruments in einem Anbau um zehn auf jetzt 23 Register erhöht: „Alles auf künstlerisch sowie handwerklich höchstem Niveau“, freut sich Storck über die gute Arbeit des westfälischen Orgelbauers.

Durch die Erweiterung und den Einbau mordernster Computertechnik, mit der man die Registrierung einzelner Orgelstücke im Voraus programmieren und diese dann auch während des Spiels automatisch ausführen lassen kann, verfügt das Gotteshaus jetzt über ein Instrument, mit dem neben der britischen Orgelliteratur beispielsweise von Ralph-Vaughan Williams oder Edward Elgar vor allem Werke der deutschen Romantik, aber auch des Barock gespielt werden können. Der Touchscreen für die Programmierung ist in einer kleinen Schublade rechts am Spieltisch verborgen. Selbstverständlich kann der Organist auch von Hand registrieren.

„Der englische Kathedral-Sound, den diese Orgeln haben, ist wie geschaffen für die Begleitung des Mädchenchores“, schwärmt dessen Leiter über die Bereicherung der Mainzer Orgellandschaft: „Auch die Akustik hier ist ideal dafür.“ In Zukunft soll die Orgel hier neben ihrem gottesdienstlichen Einsatz auch konzertant genutzt werden: als Begleitinstrument des Mädchenchores am Dom und St. Quintin – und natürlich auch solistisch. Dabei wolle man dem bestehenden Konzertangebot keineswegs Konkurrenz machen, sondern es mit dem eigenen Instrument ergänzen, betont Storck.

Am 18. März wurde sie feierlich geweiht. Die Liturgie spielte Organist Thomas Höpp. Im Anschluss gab Domkantor Karsten Storck ein Kurzkonzert mit Werken von Johann Sebastian Bach und Franz Liszt.

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