„Singen als das größte Glück“ – Tenor Daniel Sans im Interview (12/2011)

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel verzählen“, dichtete einst Matthias Claudius (1740-1815). Und der Tenor Daniel Sans ist in seinem Sängerberuf schon viel gereist. Wie er dazu kam, die Karriere als Solist anzugehen, erzählt er im Interview.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie im Mainzer Domchor mitgesungen haben?

Für mich war das eine wirklich ganz tolle und schöne Geschichte: ich habe von 1983 bis 1994, also bis zum Abitur, im Domchor mitgesungen. Und Auslöser war meine Musiklehrerin in der Grundschule. In der Martinus-Schule Gonsenheim gab es einen Schulchor, in dem ich mitgesungen habe. Und diese Lehrerein fand meine Stimme so toll, dass sie überzeugt war, dass man sie fördern müsse. Auf ihre Empfehlung hin bin ich also zum Domchor gegangen und habe da vorgesungen. Meine Eltern waren dabei und ganz angetan von der Idee, dass ich da mitsingen sollte. Allerdings hatten sie anfangs auch Bedenken, ob ich das schaffe: die Mal wöchentlich die Proben und sonntags der Gottesdienst. Aber wenn meine Lehrerein mich damals nicht herausgehört hätte, dann wäre mein Weg sicherlich ein ganz anderer gewesen.

Kannten Sie den Domchor denn schon?

Nein, denn mein Elternhaus ist eher amusisch: Mein Vater ist Elektro-Ingenieur und meine Mutter arbeitet in der Mode-Branche. Es gab hier also keine Chormusik, keine klassische Musik, gar nichts.

Die Zeit im Domchor war ja recht lang und daher auch sicherlich erlebnisreich. Was war Ihr schönstes Erlebnis in diesen Jahren?

Oh, das sind extrem viele! Ich habe so viele Sachen in dieser Zeit erleben dürfen, die man als „normaler“ Jugendlich so sicherlich nicht erleben kann. Was mich total beeindruckt hat, war für mich schon mal das Singen an sich: in der Gemeinschaft von rund 40, 50 Knaben diese Musik zu singen – Palaestrina, Lasso, Schütz und auch Mozart, Haydn, Beethoven, Bruckner! – das war ein unglaubliches prägendes Erlebnis, denn diese polyphone Musik ist ja sehr anspruchsvoll. Und wir haben daran gearbeitet, jeden Sonntag eine andere große Motette aufgeführt – in diesem festlochen, großen Dom! Das ist ja für einen kleinen Jungen ein enormes Erlebnis, wenn der Bischof da einzieht, die ganzen Dekane, es wird gefeiert, man hat die Dombläser, den Weihrauch – und dazu dann diese festliche Musik, die man selber singt: Man ist ein Teil dieses Gottesdienstes, dieses pompösen Feierns. Auch die lateinische Sprache hat hier eine Magie, die mich natürlich sehr bewegt hat. Und derart diese religiösen Inhalte vermittelt zu bekommen, ist natürlich Gold wert. Ich durfte das sozusagen an der Quelle miterleben, was mich bis heute prägt.

Musik als Aufgabe also?

Ja, bestimmt! Aber darüber hinaus waren es auch die vielen, vielen Fahrten: Ich war mit dem Domchor zum Beispiel zu einer Zeit in Russland, in der alles im Umbuch war. Die Menschen sind sehr interessiert gewesen an unserer Kultur und Musik und kamen zu unseren Konzerten, die immer voll waren. Hier haben wir an Orten gesungen, da bekomme ich immer noch eine Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnere: das Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau zum Beispiel oder ein wunderbarer Konzertsaal in St. Petersburg; wir sind zwischen Moskau und St. Petersburg in einem Schlafwagen durch dieses verschneite Russland gefahren! Wir waren in Israel und ich war am See Genezareth, am Toten Meer, an der Klagemauer, wir haben in Jerusalem ein Konzert gesungen, sind den Kreuzweg gegangen, waren in der Grabeskirche, in Betlehem in der Geburtskirche – das als Kind in Verbindung mit den Gottesdiensten zu erleben, das ist das größte Glück, das man sich vorstellen kann. Solche Erlebnisse trage ich in mir und zehre noch heute davon. Und wenn ich jetzt in diese Länder fahre, dann sind diese Erinnerungen in Verbindung mit Musik und Glaube immer sehr präsent. Aber es gab auch einfach unterhaltsame Sachen, wie zum Beispiel in Kanada mit tollen Konzerten in Montreal und Toronto; auf dieser Reise haben wir auch die Niagara-Fälle gesehen. Das war immer eine ganz tolle Verbindung: Wir haben die Menschen kennengelernt, die Kultur, haben von uns etwas mitgebracht und natürlich auch viel vom Land gesehen. Wir waren in Brasilien in den tollsten Kathedralen – und an den tollsten Stränden. Diese Verbindung von Kultur und Erleben als Gemeinschaft – das sind Sachen, die mich auch in meinem heutigen Beruf als Sänger prägen und die ich noch immer gerne erlebe.

Das klingt ja alles ganz toll. Aber wie kamen Sie denn als Kind mit der zeitlichen Beanspruchung zurecht? Das Singen im Domchor ist doch auch eine zeitliche Einschränkung eines Jugendlichen und eine Konzertreise je eher das Sahnehäubchen…

Das ist natürlich richtig. Der Domchor hat sämtliche freie Zeit bean-sprucht: Außer Schule und Chor gab es da nicht sehr viel und selbst die Familie musste oft hintanstehen. Denn neben der normalen Probenarbeit und dem Singen im Gottesdienst gibt es ja noch weitere Termine: das Mitwirken an einer Theatervorstellung, Konzerte auswärts oder Probenwochenenden. Ein guter Schüler war ich nie und habe mich bis zum Abitur durchgerungen, denn das Singen und Musizieren war für mich der Mittelpunkt geworden. Aber: Es hat auch sehr viel gegeben! Wenn es in der Schule einmal nicht so gut lief oder ich andere Probleme hatte und in die Probe kam, um anderthalb Stunden diese wunderschöne Musik zu singen, dann war ich wie neu, positiv aufgeladen: Erschöpfung nach der Schule, aber dann das Singen, das Arbeiten an sich, mit dem Körper, das war wie ein Energieschub, wovon ich auch unheimlich profitiert habe. Im Domchor wurde ich ernst genommen, bekam viel Verantwortung zugetraut. Dadurch entwickelt sich natürlich auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein: Man lernt, pünktlich, zuverlässig, kurz: diszipliniert zu sein. Man lernt zuzuhören, sich in eine Gruppe, ein soziales Netzwerk einzufügen und etwas großes Gemeinsames zu schaffen. Das hat mich viel mehr geprägt als die zeitliche Beanspruchung und mir für mein späteres Berufsleben schon viel gegeben. Das gilt, denke ich, für jeden und nicht nur für den, der dann auch eine sängerische Karriere anstrebt.

Wann haben Sie denn gemerkt, dass das Singen mehr ist als ein Hobby?

Das waren verschieden Stationen. Die erste war hier sicherlich der Stimmbruch: Ich habe sehr lange, bis zum 16. Lebensjahr im Sopran gesungen. Und als die Stimme mutierte, brach für mich erstmal eine Welt zusammen: ich hatte auf einmal sehr viel freie Zeit; und damit umzugehen, sie irgendwie sinnvoll auszufüllen, war sicherlich eine Herausforderung. Ich bin bei der Musik geblieben und habe Querflöte und Klavier gelernt. Aber das ist ja doch nicht dasselbe: Die Gemeinschaft fehlt, ebenso die Konzerte und Gottesdienste. Mit 16, 17 macht man sich ja auch schon seine Gedanken: Wie geht’s nach der Schule weiter? Und da war ich dann doch etwas überrascht, als mich Mathias Breitschaft zur Seite nahm und fragte, ob ich nicht als Jungstudent bei ihm Chorleitung studieren wollte. Da war ich erst mal perplex: Singen konnte ich – aber Chorleitung?

War das schon eine Weichenstellung?

Sicherlich. Ich habe hier also – neben der Schule! – die Ausbildung gemacht und Chorleitung studiert: mit Partitur-Spiel, Gehörbildung, Tonsatz, Dirigieren im Studentenchor, Schlagtechnik… Während meines Stimmbruchs habe ich also am Mainzer Konservatorium angefangen und bin dann an die Hochschule gewechselt – das war schon eine lustige Erfahrung, mit jungen Erwachsenen, also auf jeden Fall Älteren zusammen zu arbeiten. Zuerst habe ich bei Mathias Breitschaft studiert und später dann bei Ronald Pelger, der das auch heute noch unterrichtet. Während des Stimmbruchs, der bei mir rasend schnell verlief, hatte ich dann auch weiterhin Stimmbildung, so dass ich nach nur einem halben Jahr schon Tenor singen konnte. Und innerhalb dieses Studiums wurde mir klar: Chorleitung ist toll und das möchte ich auch weiterhin machen – aber das Singen lag mir viel, viel näher. Ich hatte das also mit Mathias Breitschaft besprochen und er konnte sich gut vorstellen, dass ich als Sänger bestehen könnte; allerdings riet er mir auch dazu, dass ich mir auch ein zweites Standbein aufbauen sollte. Das habe ich befolgt: Heute singe ich und leite Chöre.

Wie ging es dann weiter?

Ich hatte das Glück, Kontakt zu Professor Martin Gründler an der Frankfurter Musikhochschule zu bekommen, was für mich unheimlich wichtig war. Gründler war nicht nur Lehrer von Mathias Breitschaft und Ronald Pelger, sondern auch von Christoph Prégardien, Wolfgang Schmidt, Christian Elsner und vielen anderen. Als ich bei Professor Gründler vorgesungen hatte, war der schon 74 Jahre alt! Ich wollte eigentlich nur wissen: Ja oder Nein? Soll ich Gesang studieren oder es lieber lassen und ausschließlich Chorleitung machen? Er war aber von meiner Stimme sehr angetan und wollte, dass ich die Aufnahmeprüfung machen und bei ihm studieren sollte. Da bin ich natürlich aus allen Wolken gefallen, denn ich dachte, der Gründler nimmt mich gar nicht mehr! Und da ich das Glück hatte, ausgemustert zu werden, konnte ich direkt nach dem Abitur das Studium in Frankfurt anfangen.

Wer hat Sie dabei unterstützt?

Viele Menschen, denen ich dafür auch sehr dankbar bin. Aber das alles hätte ich nie gemacht ohne die Hilfe von Mathias Breitschaft, der meine Jugend und meine Zeit als junger Erwachsener begleitet hat – musikalisch wie menschlich.

Was bedeutet es für Sie denn, heute „zurückzukommen“? Sie singen ja nicht mehr im Domchor, aber immer wieder mit ihm…

In den Mainzer Dom zurückzukommen, ist für mich wie nach Hause zu kommen. Hier ist nach wie vor meine musikalische Heimat und mit Mathias Breitschaft musizieren zu können ist noch immer eine absolut intensive Erfahrung, weil man sich kennt: Die elf Jahre im Domchor haben ein so enges Band, eine so intensive musikalische Bindung geschaffen, dass hier blindes Vertrauen herrscht. Und das ist natürlich etwas ganz anderes als Engagements bei anderen Chören, wo man vielleicht in Berlin eine Probe für eine Johannespassion hat, um sich in die Musik und das Dirigat eines anderen hineinzufinden

Aber Sie singen in Mainz ja nicht nur unter Breitschaft?

Nein, sondern auch sehr gerne mit anderen Chören wie dem Bachchor unter der Leitung von Ralf Otto; denn das Publikum ist ja eigentlich dasselbe. Und hier in viel bekannte Gesichter von ehemaligen Schulfreunden, anderen Musikern und Kollegen oder Sängern von Chören, die mir zuhören, zu gucken, ist natürlich toll und etwas ganz anderes, als vor einer anonymen Masse zu singen: Wenn man die Leute kennt und die kommen nach dem Konzert zu einem, um Dir ein Feedback zu geben, dann ist das immer toll. In Mainz zu singen ist also immer wieder eine wunderbare Erfahrung.

Hätten Sie denn auch ohne den Domchor Ihre künstlerische Laufbahn eingeschlagen, ja einschlagen können?

Ganz klar: Nein! Ohne den Domchor wäre ich sicherlich ein ganz anderer Mensch geworden und wäre beruflich einen ganz anderen Weg gegangen. Seine Bestimmung sucht man doch in der Zeit des Erwachsenwerdens, wenn man sich vom Elternhaus löst. Und diese Zeit war bei mir durch den Domchor geprägt, durch die Stimmbildung und die gesungene Musik. Daher kommt bei mir auch sicherlich die Vorliebe neben dem Liedgesang vor allem für das Oratorium: Ich mache nach wie vor keine Oper, sondern das, worin ich eher authentisch bin. Hätte ich das als Kind und Jugendlicher nicht mitbekommen, dann wäre sicherlich nicht der Wunsch entstanden, diese Berufung einzugehen.

Wie entscheidend war hier das Studium bei Professor Gründler?

Professor Gründler, den ich sehr schätze und bewundere, unterhielt an der Frankfurter Hochschule eine „Tenor-Schmiede“ vom Feinsten – einige seiner Schüler, die heute sehr erfolgreich sind, habe ich ja schon genannt. Mein Vorteil war, dass ich Gesangsschüler von Mathias Breitschaft war, der ja seinen Gesangsstil ebenfalls bei Gründler gelernt hatte; die Übungen, die wir im Domchor machten, waren die von Gründler; Gleiches gilt für mein Studium bei Ronald Pelger, bei dem wir mit gleicher Qualität und vor allem Intensität arbeiteten. Das heißt: Als ich zu Professor Gründler kam, hatte ich schon elf Jahre lang seine Übungen verinnerlicht, seine Ideen, Bilder und Suggestionen für das Singen vermittelt bekommen. Während meiner ersten Stunden hatte ich das Gefühl: Ich schaue durch eine Kamera, die noch einmal schärfer eingestellt ist. Ich musste also nichts Neues und vor allem nichts Anderes lernen als das, was ich mit Breitschaft und Pelger erarbeitet hatte, sondern konnte gleich darauf aufbauen. Und das hätte ich nirgendwo anders lernen können als im Mainzer Domchor und später im Konservatorium.

Ein beeindruckender Werdegang also mit ebensolchen Voraussetzungen. Da der Domchor für Sie eine wo wichtige Wegmarke war, fällt es Ihnen doch sicherlich nicht schwer, folgenden Satz zu vervollständigen: Im Domchor sollte singen, wer…

…Spaß am Singen hat, Lust auf großartige Musik und sie in die Welt hinaustragen möchte.

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