Reise in eine akustische Vergangenheit (06/2012)

Nein, dunkle Ringe hat er nicht mehr unter den Augen. Aber er scheint den Kaffee zu genießen, denn schließlich machte Domorganist Daniel Beckmann Ende März die letzten drei Nächte zum Tag: Es galt, auf der Domorgel Werke von Franz Liszt (Fuge & Präludium über das Thema „B-A-C-H“ sowie die Variationen über „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“), Felix Mendelssohn-Bartholdy (Orgelsonaten in f-moll und A-Dur) sowie Wolfgang Amadeus Mozart (große f-moll-Fantasie, KV 608) für eine CD-Produktion einzuspielen.

Mit dem Masterschnitt ist der Musiker bereits sehr zufrieden. Und noch müde, denn mit den Aufnahmen konnte natürlich erst nach Schließung der Domportale begonnen werden. Auch galt es, die Mikrofone immer wieder neu zu justieren und Kabel zu verlegen, die tagsüber als Stolperfallen beseitigt werden mussten. Angesagt waren also Nachtschichten, zuweilen bis 4 Uhr in der Frühe. Neben Beckmann arbeiteten sein Kollege Thomas Höpp, der die Register ziehen durfte und der Wahlberliner Tonmeister Christoph Drescher, der sein „Studio“ kurzerhand im Elternhaus am Leichhof eingerichtet hatte und mit Beckmann per Lautsprecher kommunizierte. Immer wieder eilte der Domorganist hinüber, um das Ergebnis der Aufnahme abzuhören, die Drescher tags darauf bereits bearbeitet hatte. Wann der Tonmeister in diesen 72 Stunden geschlafen hat, ist ein Geheimnis.

Doch das technische Drumherum ist Daniel Beckmann, der bereits bei einigen CD-Produktionen mitgewirkt hat, bei dieser Aufnahme weitaus weniger wichtig als der eigentliche Anlass der CD. Denn sie wird als fertiger Silberling die frühere Klais-Orgel im Mainzer Dom mit einem Klang präsentieren, der heute so eigentlich nicht mehr zu hören ist: „Das anfangs sinfonische Instrument stammt aus dem Jahr 1928, wurde aber in den 60er Jahren, als man sich auf einen eher barocken Klang besann, entsprechend umgebaut, so dass der ursprüngliche romantische Charakter verzerrt wurde“, bedauert Beckmann. Für die Aufnahme hat er daher alle klanglichen Veränderungen konsequent vermieden, um das Instrument in seinem „historischen“ Zustand von 1928 zu präsentieren.

Das machte allerdings viele Schnitte nötig, denn die heutige Domorgel ist nicht nur stark restaurierungsbedürftig, sondern verfügt auch nicht über die Programmierungsoptionen neuerer Instrumente. Also brauchte Beckmann nicht nur den Registranten („Thomas Höpp hatte mindestens genau so viel zu tun wie ich am Spieltisch!“), sondern musste aufgrund der veralteten Technik auch viele Pausen einlegen: Nicht nur die sechs Manuale, sondern vor allem die 885 Knöpfe und Bedienschalter für die Registrierung lassen den Spieltisch eher wie ein Cockpit eines Flugzeugs wirken. Schließlich gehört diese Orgel laut Beckmann zu den kompliziertesten ihrer Art. Ihre Pfeifen hängen an sieben verschiedenen Standorten, ihr Klang wird mit 114 klingenden Registern gefärbt, wobei alle 7.986 Pfeifen dank zehn Kilometern Kabel vom größten Orgelspieltisch Europas angespielt werden.

So galt es für den Mann am Pult nicht nur, die Mikrofone so aufzustellen, dass die Begleitgeräusche wie das Rauschen der renovierungsbedürftigen Bälge möglichst wenig störten; die Mechanik des Instruments verursacht beim Umschalten zuweilen ein lautes Knallen, was man beim konzertanten Spiel oder im Gottesdienst zwar nicht wahrnimmt, das für eine Aufnahme aber natürlich inakzeptabel ist.

Außerdem durften die einzelnen Sets nicht länger als 15 Minuten dauern, denn die Stille im nächtlichen Dom wird nicht nur von gelegentlichen Flugzeugüberquerungen gestört, sondern vor allem vom Viertelstundenschlag des Geläuts „getaktet“ – große Herausforderungen also an die beteiligten Künstler. Beckmann und Drescher sind bereits seit Studienzeiten befreundet, haben sozusagen gemeinsam „die Orgelbank gedrückt“, was sich jetzt als großer Vorteil erwies, denn der Tonmeister kennt sich mit den Parametern des Orgelspiels aus und weiß, wann wo was wie für eine Aufnahme klingen muss.

Doch wie funktioniert eine Aufnahme mit Orgelmusik in einer Kirche mit elf Sekunden Nachhall? Hier freute sich Beckmann über das Entgegenkommen der Technik: Natürlich musste man nach jeder Sequenz entsprechend lange warten, bis das Echo verklungen war. Dann konnte erneut angesetzt werden, was dann auf der CD mittels der Mehrspurtechnik zu einem nahtlosen Übergang verschmolzen werden kann. „Gemeinsam haben wir an stimmungsvollen Bögen in den einzelnen Stücken gearbeitet.“ Tricks, die bei jeder nicht live getätigten Tonaufnahme zum Einsatz kommen.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen