Die Johannespassion von Johann Sebastian Bach (03/2015)

Ihre Uraufführung erfuhr die Johannespassion von Johann Sebastian Bach am Karfreitag des Jahres 1724, der damals auf den 7. April fiel, in der Leipziger Nikolaikirche – ein Novum vor Ort, galt der Rat der Stadt seinerzeit in stilistischen Belangen doch eher als konservativ. Nun erfreuten sich Oratorien mit Hang zum Opernhaften beim Publikum jedoch immer größerer Beliebtheit, so dass auch Leipzig in den Genuss eines solchen kam – notabene Bachs erstes größer angelegtes Werk und Oratorium. Werden seine Passionen heute oft konzertant aufgeführt, geschah dies seinerzeit im gottesdienstlichen Rahmen.

Wie in der drei Jahre später in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführten Matthäuspassion erzählt ein Evangelist die Leidensgeschichte Jesu: Betrachtende Arien und Choräle laden zum Reflektieren des Gehörten ein, Turbachöre lassen die wütende Menge Jesu Kreuzigung fordern und das Ensemble des Passionsgeschehens – Jesus, Petrus, Pilatus sowie kleinere Solinquenten-Rollen – treibt die Schilderung voran. Dadurch entstehen verschiedene Perspektiven: die des Erzählers, der handelnden Personen und Gruppen, die betrachtende des Individuums in den lyrischen Arien und die der Andacht in den Chorälen sowie den Ecksätzen, dem Anfangs- und Schlusschor.

Allerdings war es unüblich, dass ein Komponist des Barock sich nur an einem der vier Evangelien orientierte; normalerwiese arbeiteten die Tonsetzer synoptisch. Bach hat in der Johannespassion BWV 245 hingegen das 18. und 19. Kapitel des Johannesevangeliums vertont, wobei er sich an zwei Stellen Sätze aus dem Matthäusevangelium leiht: Die Schilderung des Verrats Jesu durch Petrus – bei Johannes heißt es nur „Und alsbald krähete der Hahn“ – hat Bach durch den Vers „Da gedachte Petrus an die Worte Jesu und ging hinaus und weinete bitterlich“ meisterhaft auskomponiert ergänzt; der zweite Einschub malt das Erdbeben nach dem Tod Jesu: „Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stück von oben an bis unten aus.“ Damit werden im Sinne der Affektenlehre jener Zeit Emotionen der Klage und der Reue beschworen.

Ansonsten ist die Passionsgeschichte nach Johannes eher nüchtern erzählt: Sie setzt ein mit der Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane und der dreimaligen Verleumdung durch Petrus, während Jesu dem Hohepriester vorgeführt wird. Im Zentrum des Geschehens steht das Verhör durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus, der anfangs keine Schuld bei Jesus sieht, dann jedoch aus Kalkül die Kreuzigung verfügt. Im weiteren Verlauf wird die Kreuzigung, das Losen um Jesu Rock und die bei Johannes niedergeschriebenen letzten Worte des Heilands am Kreuz gesprochen: „Weib, siehe, das ist dein Sohn. / Siehe, das ist Deine Mutter. / „Mich dürstet. / „Es ist vollbracht.“ Mit der Grablegung Jesu endet die Johannespassion.

Der Dirigent und Barockspezialist Sigiswald Kuijken nennt das Libretto „ein kunterbuntes Sammelsurium, ein Puzzel, vielleicht von Bach selbst mit Hilfe bereits existierende Texte zusammengestellt, darunter das Evangelium, alte Choräle und Dichtungen“. Der unbekannte Textdichter der Johannespassion orientierte sich abgesehen vom Evangelium am damals äußerst populären Passionstext „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ aus der Feder des Hamburger Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes, den auch Georg Friedrich Händel vertont hat. Anders als bei der doppelchörig und damit opulenter besetzten Matthäuspassion ist BWV 245 introvertierter: „Hier entfaltet sich die Dramatik im Inneren, der Schmerz und das Leiden Christi kommen in der Musik selbst zum Ausdruck“, sagt Kuijken.

Die Arien und Choräle reflektieren das Passionsgeschehen, verweisen auf seine Bedeutung für die christliche Gemeinde, wobei die vierstimmigen Choralsätze Nahtstellen zwischen den verschiedenen Akten – Gefangennahme, Jesus vor den Hohepriestern, Jesus vor Pilatus, Kreuzigung und Begräbnis – setzen. Fünf weitere kommentieren im Werkverlauf an bedeutenden Szenen den Bericht, ein Choral eröffnet den zweiten Teil der Passion, ein weiterer begleitet die Bass-Arie „Mein teurer Heiland“. Nach dem Schlusschor erklingt außerhalb des Geschehens der Choral „Ach Herr, lass Dein lieb Engelein“. Die Texte stammen vor allem aus dem 16. und 17. Jahrhundert und gehen auf bekannte Dichter wie Martin Luther zurück. Von Paul Gerhardt stammen dabei nur zwei Strophen des Liedes „O Welt, sieh hier Dein Leben“: „Wer hat Dich so geschlagen“ und „Ich, ich und meine Sünden“.

Dem Chor hat Bach mit der Wiedergabe der Choräle eine wichtige Rolle zugedacht; genauso bedeutend ist jedoch auch die Verkörperung der wütenden Masse: Bach verdeutlicht mit diesen Turbachören exemplarisch den Gegensatz zwischen der aufgebrachten Menge und der Einsamkeit Jesu, indem er dem nüchternen Stil des Johannesevangeliums mit drastisch auskomponierten Passagen eine dramatische Ebene hinzufügt. Kein anderer Komponist seiner Zeit hat derart gewagte Chromatik benutzt, um die Handlung geradezu physisch spürbar werden zu lassen: Die Menge spottet, verhöhnt, fordert Jesu Kreuzigung, gerät zunehmend außer sich.

Interessanterweise führten Meinungen, die gerade in diesen Partien des Evangeliums antisemitische Züge sahen – die Massen sind bei Johannes schlicht „die Jüden“ –, 2012 in Berlin zu einer Aufführung einer textlich „bereinigten“ Fassung von Bachs Johannespassion: Jüdische Autoren hatten die Worte der Arien durch Bearbeitungen von mosaischen Gebeten und Versen Paul Celans, Else Lasker-Schülers oder Friedrich Nietzsches ersetzt. In einem bemerkenswerten Beitrag in der WELT vom 7. April 2012 widmete sich Lucas Wiegelmann der Frage nach der Judenfeindlichkeit der Johannespassion und ließ hier zwei theologische Gegner zu Wort kommen: Hans Küng und den damaligen Papst Benedikt XVI., die in diesem Punkt jedoch Einigkeit zeigen. Juden hätten laut Evangelium die Schuld an der Kreuzigung – aber eben nicht das jüdische Volk als solches. Daher fand der Autor seine Antwort auch in der Musik: „Wer ist also schuld am Tod Jesu? ,Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer.ʽ Das steht nicht in der Bibel. Das steht bei Bach.“

Aufschlussreich in der Schilderung des Johannes ist auch, dass Jesus anders als bei den anderen Evangelien sein Leben freiwillig opfert, dabei jedoch stets die Handlungsautorität behält. Er bittet Gott nicht um Verschonung, sondern erträgt Gefangennahme, Verhör, Geißelung, Verspottung und Kreuzigung: Zugunsten des göttlichen Heilsplans überlässt er sein Schicksal der Vorsehung gemäß der Gewalt irdischer Mächte. Die Unterredung mit Pontius Pilatus ist daher auch ein Gespräch zwischen weltlicher und himmlischer Autorität: Jesu erzählt von seinem Königtum, das in Gott begründet ist und diskutiert die Frage nach der alleingültigen Wahrheit. Mit den Worten „Was ist Wahrheit“ formuliert Pilatus eine der seit jeher grundlegenden und zeitlosen philosophischen Fragen. Auch Bach ruft mit dem berückend schönen Bass-Arioso „Betrachte, meine Seel [...] Dein höchstes Gut in Jesu Schmerzen“ zum Nachsinnen über diese Frage auf.

Überhaupt bindet Bach die eher sparsam verwendeten Arien stark in den dramatischen Handlungsablauf ein. Die erste Arie des Alt erkennt nach Jesu Gefangennahme: „Von den Stricken meiner Sünden mich zu entbinden, wird mein Heil gebunden.“ Die Sopranarie „Ich folge Dir gleichsam mit freudigen Schritten“ beruft sich auf Petrus und schafft doch eindrucksvoll Distanz zum untreuen Jünger. Der wird nach seinem Verrat in der Tenorarie von seinem Gewissen geplagt: „Ach, mein Sinn, wo will[s]t Du endlich hin? [...] Bei der Welt ist gar kein Rat und im Herzen steh‘n die Schmerzen meiner Missetat, weil der Knecht den Herrn verleugnet hat.“ Nachdem Pilatus Jesus geißeln lässt, postuliert der Bass: „Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken in allen Stücken dem Himmel gleiche geht“. Und als Jesus sein Kreuz auf sich genommen hat, fordert der Bass gleichsam: „Eilt, ihr angefocht‘nen Seelen [...] nach Golgatha.“ Nach dem Tode Jesu intoniert der Alt dessen Worte „Es ist vollbracht“, verweist jedoch im zweiten Teil der Arie aufwühlend auf die Auferstehung: „Der Held aus Juda siegt mit Macht und schließt den Kampf.“ Chor und Bass sinnieren über die Konsequenz: „Mein teurer Heiland, lass Dich fragen, [...] bin ich vom Sterben frei gemacht, kann ich durch Deine Pein und Sterben das Himmelreich ererben?“ Eine letzte Sopranarie zieht jedoch die vorerst bittere Bilanz: „Zerfließe, mein Herze, [...] erzähle der Welt und dem Himmel die Not, Dein Jesus ist tot.“ Die Kirchenmusikerin Karin Freist-Wissing unterstreicht: „Insbesondere die Arien zeugen von Bachs musikalischer Bibelexegese – sind sie doch nicht nur Ruhepol, eine Art retardierendes Moment im Passionsdrama, sondern zugleich Reflexion. Das Passionsdrama wird in ihnen gedeutet, tonmalerisch verarbeitet, aus der Gegenwart betrachtet und ins Heute übertragen.“

Besticht in der Matthäuspassion die an verschiedenen Stellen eingewobene Arithmetik, ist es in BWV 245 neben der ergreifenden Musik das geniale Formkonzept, das der Theologe und Bachforscher Friedrich Smend dokumentiert: Demnach bildet der Choral „Durch Dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen“ nicht nur den Kern der Aussage der christlichen Botschaft, sondern auch die Achse, um die herum Bach symmetrisch Chorszenen und Choräle gleicher oder ähnlicher musikalischer Gestalt angeordnet hat: Nahezu identisch vertont sind beispielsweise die Turbachöre „Wir haben ein Gesetz“ und „Lässest Du diesen los“ sowie „Kreuzige ihn“ und „Weg, weg mit dem“. Eröffnet wird der Mittelteil durch den Choral „Ach großer König“, abgeschlossen durch „In meines Herzens Grunde“.

Der zentrale Choral „Durch Dein Gefängnis“, vergleichsweise weich und harmonisch auskomponiert, setzt inmitten der dramatischen Gerichtsszene eine entscheidende Zäsur der Handlung, denn bis dahin ist Pilatus geneigt, Jesus die Freiheit zu schenken; doch nun beugt er sich dem Drängen des Volkes. Nicht die Kreuzigung Jesu sondern seine Verlassenheit ist für Bach der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Zu ihm drängt und von ihm geht die Heilsgeschichte aus: Mit überraschend dissonanten Stellen in der Komposition, doch zuversichtlich in der Aussage beginnt das Werk mit dem Chor „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist“ und schließt nicht etwa mit dem ausladenden „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“, sondern mit dem so wunderbar entrückten Choral „Ach Herr, lass Dein lieb Engelein“ und seiner packenden Einsicht „Ich will Dich preisen ewiglich“.

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