Zum 125. Todestag von César Franck (11/2015)

Zum 125. Todestag des französischen Komponisten César Franck hat die Musica sacra unter der Leitung von Domkapellmeister Karsten Storck und gemeinsam mit Domorganist Daniel Beckmann eine CD mit den „Sieben letzten Worten Jesu Christi am Kreuz“ und Orgelwerken veröffentlicht. Damit wird die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Leipziger Label Rondeau fortgesetzt.

CD Cover Franck1890: Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck reicht beim deutschen Kaiser Wilhelm II. sein Rücktrittsgesuch ein (was zur berühmten Karikatur „Der Lotse geht von Bord“ in der englischen Zeitschrift „Punch“ führt). Die Nordseeinsel Helgoland wird von den Briten in deutsche Verwaltung übergeben. Der Parteitag der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands nennt sich in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) um. Die Allianz Versicherungs-AG nimmt in Berlin ihre Tätigkeit auf. Nach 73 Tagen beendet die amerikanische Journalistin Nellie Bly ihre Reise um die Welt. Und Oscar Wilde veröffentlicht seinen einzigen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ erstmals im Lippincott’s Monthly Magazine. 1890: ein bewegtes Jahr – politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell. 1890 stirbt auch der am 10. Dezember 1822 in Lüttich als Kind deutscher Eltern geborene Musiker und Komponist César Franck.

Auch wenn der Traum von einer Karriere als pianistisches Wunderkind unerfüllt blieb, vertraute der Vater auf die Begabung seines Sohnes und schickte ihn zur Ausbildung an das Pariser Konservatorium, wo Franck bei Anton Reicha und Aimé Ambroise Simon Leborne im Kontrapunkt sowie bei François Benoit im Orgelspiel unterrichtet wurde; weitere Lehrer waren der Pianist Pierre-Joseph-Guillaume Zimmermann sowie der Komponist Henri-Montan Berton. Es folgten verschiedene Anstellungen als Kirchenmusiker: 1844 an Notre Dame de Lorette und 1851 an St. Jean-St. Francois. 1858 wurde Franck dann Organist an der damals neu erbauten Basilika Ste. Clotilde, für die er sein Oratorium „Les sept derniéres paroles du christ en croix“ – „Die sieben letzten Worte Christi am Kreuz“ – komponierte. 1872 folgte Franck seinem früheren Lehrer Benoit als Professor für Orgelspiel an das Konservatorium.

Francks entscheidenden Werke entstanden sämtlich in den letzten 15 Jahren vor seinem Tod: die d-moll-Sinfonie, die Sinfonischen Variationen für Klavier und Orchester sowie mehrere Tondichtungen – darunter „Les Béatitudes“ (Die Seligpreisungen) –, Werke für Orgel und Klavier sowie Kammermusik. Diese letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren von einem spannenden Widerspruch geprägt: Auf der einen Seite empfand das Volk das Gefühl der nationalen Schande, was aus der Niederlage Frankreichs im deutsch-französischen Krieg 1870/71 herrührte. Die Musik bewegte sich mehr und mehr auf dem Territorium der „Ars gallica“, der (rein) französischen Kunst (so lautete auch das Motto der 1871 gegründeten Société nationale de musique, der Franck zeitweise vorstand). Auf der anderen Seite wuchs die Zahl unverhohlener Bewunderer der Musik Richard Wagners. Diese Kluft versuchte Franck mit seiner Musik gleichsam zu überbrücken und verknüpfte die klassische Formendisziplin mit einer emotionalen und romantischen Tonsprache.

War ihm zu Lebzeiten kein großer Erfolg beschieden, ist Francks Einfluss auf die Entwicklung der französischen Musik des späten 19. Jahrhunderts immens, was sowohl für seine instrumentale Farbensprache als auch für seine harmonischen Prozesse galt, die die freien Akkordbindungen eines Claude Debussy bereits vorzeichneten. Francks Formgestaltung schließt an die deutsche Hochromantik an und bricht mit der akademischen Tradition der französischen Musik nach Hector Berlioz. Hier finden französische wie deutsche Stilelemente zur bestechenden Synthese: Da ist die sinfonische Form eines Ludwig van Beethoven, die Kunst des Kontrapunkts bei Johann Sebastian Bach, die Klangpracht Wagners – sie „stehen neben dem typisch französischen ,Tonfallʽ [von Francks] Melodik, der Pathos und ,Grandeurʽ ebenso eigen sind wie Charme, Eleganz und Sentiment“, schreibt der Musikautor Alfred Beaujean. Von Franz Liszt habe Franck außerdem die Idee der zyklischen Großform übernommen, in der einzelne Partien einer Komposition thematisch vielfach miteinander verbunden sind.

Zu den Schülern Francks gehörten neben Debussy Ernest Chausson, Henri Duparc, Vincent d’Indy und Gabriel Pierné. Einige seiner Eleven, darunter Mèlanie Bonis und Charles Tournemiere, fanden später unter dem Namen „Bande à Franck“ ihren Platz in der Musikgeschichte. Vertrauteste Studenten nannten ihren Lehrer „Pater Seraphicus“, ein anderer Name für den Heiligen Franziskus. Nicht ohne Grund erfahren Francks Kompositionen oft eine religiöse Konnotation, die jedoch nicht vom Künstler selbst stammt. Fraglos war er ein frommer Mensch, der sein Schaffen, egal ob klein oder groß angelegt, in einen größeren Kontext stellte. Bezüglich seiner Sinfonie wurde Franck einmal gefragt, welche Idee die Musik verkörpere, worauf er jedoch salomonisch antwortete, sie sei „nur Musik“.

Ausdruck der tiefen Religiosität des Komponisten ist jedoch sein Werk „Les sept derniéres paroles du christ en croix“, inspiriert von den letzten Augenblicken des gekreuzigten Heilands. Hier spricht Jesus sieben Sätze, zählt man die in den Berichten der vier Evangelisten dokumentierten Äußerungen zusammen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, sagt er mit Blick auf die Soldaten, die ihn peinigen. „Amen, ich sage Dir: Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein“, spricht er zu einem der Mitgekreuzigten. „Frau, siehe, Dein Sohn“ und „Siehe, Deine Mutter“, sagt Jesus zu Maria und Johannes. Dann ruft er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“, bevor er flüstert: „Mich dürstet“. Schließlich ruft er: „Es ist vollbracht“. Und beschließt sein Leben mit dem Satz: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Zwar nimmt die kritische Exegese an, diese Worte seien dem Heiland in den Mund gelegt, da Angehörige seinerzeit keinen Zugang zur Kreuzigung hatten und somit nicht als Ohrenzeugen dienen konnten. Gleichviel: Franck ergänzte die opulent vertonten Sätze mit Passagen aus dem Alten wie Neuen Testament und dem „Stabat mater“-Gedicht zu einem packenden Oratorium. Darin unterscheidet sich dieses Werk von denen Joseph Haydns oder Heinrich Schütz‘, die ebenfalls die „Sieben letzten Worte Jesu“ musikalisch darstellten: Die Geschichte wird bei Franck nicht streng im Kontext erzählt, was ihr eine ungleich größere „Bühne“ bereitet.

Hierfür bediente sich der Komponist einer großen Anzahl tonsetzerischer Parameter. Die Württembergischen Blätter für Kirchenmusik sprechen von „unterschiedlichen Besetzungen, reizvollen Instrumentationen, formaler Abwechslung und differenzierter Harmonik, Klagegesängen, schlichten Choraliter-Passagen, Abschnitten von größter Dramatik und melodischen Gestaltungen voller Süße“, die dem Hörer einen vielschichtigen Eindruck einer „von starkem persönlichem Ausdruckswillen geprägten Komposition“ vermittelten. Auffällig ist der tief geführte Alt, was offenbar mit den damaligen Besetzungsofferten zusammenhängt: Der ursprüngliche Vokalsatz sieht je eine Sopran- und Bass- sowie zwei Tenorstimmen vor.

Da sich Franck selbst nie zu diesem Werk äußerte, wurde seine Urheberschaft mitunter in Frage gestellt; auch von einer Aufführung zu Lebzeiten des Komponisten ist nichts bekannt. Das Manuskript aus dem Jahr 1859 ist allerdings von seinem Schöpfer selbst handschriftlich datiert und signiert. 1955 erwarb die Bibliothek Lüttich das Autograph aus Privatbesitz, 1977 kam es in der Martinskirche zu Geislingen unter Armin Landgraf dann zur Uraufführung von „Les sept derniéres paroles du christ en croix“. Statt einer dramatischen Darstellung der Leidensgeschichte Jesu geht es Franck in schlichter, doch ergreifender Harmonik um die Meditation darüber, was die sieben Worte andeuten: Vergebung, Versprechen, Mitleid, Verlassenheit, Not, Erlösung und Gottvertrauen.

Fast zwanzig Jahre nach dem Entstehen von „Les sept derniéres paroles du christ en croix“ fand in Paris auf dem Champ de Mars die Weltausstellung statt. Aus diesem Anlass wurde das Palais du Trocadéro errichtet, worin Frankreichs erste große Konzertorgel ihren Platz fand. Für jenes Instrument schrieb Franck seine „Trois pièces“. Ihre Uraufführung dürfte zu den wichtigsten konzertanten Erlebnissen in der Vita des Komponisten gezählt haben: Der „Salle des Fêtes“ bot über 5.000 Zuhörern Platz und die Orgel aus der berühmten Werkstatt Cavaillé-Coll verfügte über vier Manuale und 66 Register. Franck spielte am 1. Oktober 1878 das 13. einer Reihe von Einweihungskonzerten. Entstanden waren die „Trois pièces“ zwischen dem 10. und 17. September des gleichen Jahres.

Die Stücke selbst haben keinerlei religiösen Impetus und sind eher konzertanten Charakters. So besticht das erste, die Fantasie in A-Dur, durch ein labyrintisches Mäandern mit meditativen wie eruptiven Passagen. Dennoch ließen sich zwei Schüler Francks beim zweiten Stück „Cantabile“ zu entsprechenden Interpretationen hinreißen: Vincent d’Indy hielt diesen Part für „das typische Gebet eines Künstlers“, der auch „wahrer Christ“ sei, und Charles Tournemiere beschrieb die Musik gar als das „unbefriedigte Verlangen der Seele, das innere Flehen eines Heiligen, unablässiges Bitten, Vertrauen in die göttliche Gnade“. Auf weit weniger Begeisterung stieß anfangs das dritte Stück „Pièce héroique“. Obschon heute ein äußerst populäres Werk, hörte der Kritiker der Revue et Gazette musicale de Paris hierin„zwar einige exzellente Dinge“, doch sei es eben „weniger interessant als die anderen Werke“. Diese Worte trafen den Komponisten – er führte „Pièce héroique“ nie wieder öffentlich auf.

Auf der vorliegenden CD spielt der Mainzer Domorganist Daniel Beckmann die in den Jahren 2012/2013 in der Mainzer Kirche St. Stephan errichtete, dreimanualige Klais-Orgel. Hier erstrahlt jedoch nicht nur die Musik Francks in all ihrer Farbigkeit: Die Sonnenstrahlen fallen durch die großflächigen und in ihrer bunten Symbolfülle berauschenden Kirchenfenster des Malers Marc Chagall und tauchen das Kirchenschiff in ein einzigartiges Licht. Der Künstler starb am 28. März 1985, weswegen das Jahr 2015, in dem die Musikwelt den 125. Todestag des Impressionisten César Franck begeht, auch jenes ist, in dem sich der Todestag des Expressionisten Marc Chagall zum 30. Mal jährt. Vielleicht hat der Hörer dieser CD ja die Möglichkeit, dieses Gotteshaus einmal zu besuchen und entdeckt auf einem der wundervollen Fenster jene Szenerie, in der Jesus seine letzten Worte sprach: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“

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