Die Johannespassion von Arvo Pärt (03/2013)

Ganz anders als die Johannespassion von Johann Sebastian Bach ist die des 1935 geborenen Komponisten Arvo Pärt konzipiert. 1982 geschrieben ist sie ein herausragendes Beispiel für den Tintinnabuli-Stil des estnischen Komponisten und wirkt durch ihren retardierenden Minimalismus. Diese Musik beschäftigt einen, denn man verhält sich ihr gegenüber nahezu zwingend ambivalent. Gefällt sie oder schreckt sie ab? Spricht sie zu einem oder kann man ihre Botschaft nicht hören? Pärts Johannespassion zu hören ist auf jeden Fall eine große Herausforderung, vielleicht genau so groß wie die an die Musizierenden, sie adäquat wiederzugeben.

Arvo Pärt wurde 1935 in Paide in Estand geboren, wuchs in der Kleinstadt Rakvere auf und studierte in Tallin unter anderem bei Harry Otsa, Veljo Tormis und Heino Eller. Erste Werke von ihm sind geprägt von Vorbildern wie Dmitri Schostakowitsch, Sergei Prokofiew und Bela Bartók; in der Folgezeit experimentiert er mit Arnold Schönbergs Zwölftonmusik und seriellen Techniken. Sein derart beeinflusstes Werk „Nekrolog“ (1960) handelte ihm allerdings harsche Kritik der Kunstbehörde ein. Es folgten weitere acht Jahre des Komponierens, die 1968 mit dem „Credo“ ihren Höhepunkt fanden, nach dem sich Pärt weitgehend zurückzog und sich der Erforschung des Gregorianischen Chorals und der Alten Musik widmete.

1976 meldete er sich zurück – mit ersten Stücken im Tintinnabuli-Stil (Tintinnabuli = Glöckchen): In der Abgeschiedenheit hatte Pärt seinen persönlichen Stil gefunden, der auf einem asketischen Gleichgewicht beruht. Und wiederum musste sich der Komponist Kritik gefallen lassen – diesmal wegen der tonalen Einfachheit und des religiösen Inhalts seiner Werke. Da die sowjetischen Behörden seine Bewegungsfreiheit immer mehr einschränkten, nutzte er 1980 die Möglichkeit zur Ausreise, zog mit seiner Frau erst nach Wien und später nach Berlin. 

Heute gilt Arvo Pärt als einer der bedeutendsten lebenden Komponisten für neue Musik. Seine Kompositionen haben in den vergangenen Jahrzehnten zwar eine große Verbreitung gefunden, doch gehört Pärt noch immer zu den bekanntesten Unbekannten: Seine Tonsprache, seine klangliche Poesie bleibt unfassbar. Musiktheoretisch mag man sie analysieren und erklären können – aber erfassen und durchdringen? Pärt selbst versagt sich jedwede Deutungen seiner Prinzipien: „Ich habe keine Meinung über meine Musik. Ich schreibe nur einfach Musik und kann nicht erklären, was Musik sei“, zitiert ihn der Musikjournalist Christoph Schlüren.

Das Abweisende als Einladung: Man muss sich dieser Musik selbst stellen, sie suchen – was sich dem, der sich zu öffnen versteht, als eine reizvolle Aufgabe darstellt. Die Klänge streben nach dem Ideal der Einfachheit, um die spirituelle Botschaft unverfälscht äußern zu können. „Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird“, sagt Pärt denn doch: „Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonqualität. Die drei Klänge eines Dreiklangs wirken glockenähnlich. So habe ich es Tintinnabuli genannt.“

Diese Dreiklänge überlagern dabei melodiöse Tonreihen: „Die Statik der Dreiklangstöne repräsentiert sozusagen die Ewigkeit, die Dynamik des Melodischen die Vergänglichkeit der Zeit“, erklärt Schlüren: „Indem dies gleichzeitig geschieht, stellt sich ein eigenartig losgelöstes Zeitempfinden ein. Zugleich erreicht Pärt durch die zwei Ebenen der Wahrnehmung eine ungeahnte Schönheit der Dissonanz. Was anderswo als schriller Missklang empfunden würde, wirkt erhaben.“ Auch Pärts Johannespassion, die er 1982 komponierte, ist in diesem anrührend schlichten Stil gehalten: Sie schlägt die Hörer durch den ruhigen Pulsschlag ihres minimalistischen Tonmaterials in den Bann.

Im Zentrum des Werks steht die Auseinandersetzung zwischen Jesus, Pilatus und den Juden. Dem Komponisten genügen dabei zwei Solisten, vier Sängern, die das Evangelium rezitieren und ein Chor sowie ein Instrumentalensemble aus Violine, Oboe, Cello, Fagott und Orgel. Das Werk erklingt, anders als man es beispielsweise von barocken Passionen her kennt, durchgehend und ohne musikalische oder textliche Ergänzung in Latein, der einstigen Weltsprache der Kirche. Damit greift Pärt die narrative Tradition der christlichen Liturgie auf. Sind es bei Bach meditative Choräle und betrachtende Arien, die die Leidensgeschichte Jesu umkleiden, hat Pärt für seine Passion einzig den Bibeltext aus dem 18. und 19. Kapitel des Johannesevangeliums verwendet und schafft retardierende Momente vor allem durch Pausen, denn für ihn ist „die Stille immer vollkommener als die Musik. Man muss nur lernen, das zu hören.“ An anderer Stelle bekennt er: „Vieles und Vielseitiges verwirrt mich nur. Ich muss nach dem Einen suchen. Was ist das, dieses Eine? Und wie finde ich den Zugang zu ihm?“

Im Übrigen lehnt der Komponist eine oberflächliche Etikettierung seiner Musik ab: „Ich weiß nicht, was Meditation ist. Ich versuche weiterhin, herauszufinden, was Musik ist. Am Anfang war das Wort, und das Wort ist zum Lobe Gottes. Aber wer fragt, was mit ‚Wort‛ gemeint ist? Es ist das Rätsel der Rätsel, die Formel der Formeln. Ich glaube, dass diese Welt ihren Klang hatte, bevor sie da war. […] Aber die Menschen haben dafür gesorgt, dass diese Dinge verschwunden sind.“

Pärts Tintinnabuli-Stil setzt in unserer schnelllebigen Zeit ein leises, aber unüberhörbares Zeichen, will diese „verschwundenen Dinge“ wiederfinden. Seine Musik verträgt dabei keine Eile – im Gegenteil: Schlägt man eine Glocke an, so dauert es eine Zeit, bis ihr Klang nicht mehr zu hören ist, wobei der Übergang vom immer schwächer werdenden Glockenton zur Stille fließend ist. Daher ist auch der Raum, in dem Pärts Musik erklingt, von großer Wichtigkeit: „Es gibt keinen Zweifel, dass Pärts Musik erst zu ihrem Recht kommt, wenn sie in der angemessenen Umgebung zur Aufführung gelangt“, sagt der Musiker Paul Hillier, der mit seinem Ensemble bereits viele Stücke von Pärt, darunter 1988 auch die Johannespassion, aufgenommen hat: „Die Musiker werden dann entdecken, dass der akustische Raum zu einem Teil der Komposition wird, ja in der Tat selbst zu einem Instrument wird, auf dem die Musik gespielt wird.“

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