20 Jahre Mädchenchor am Dom und St. Quintin (09/2014)

Natürlich ist es etwas unglücklich, dass ausgerechnet im Vorfeld der Feierlichkeiten des 20-jährigen Jubiläums des Mädchenchores am Dom und St. Quintin bekannt wurde, dass Domkantor Matthias Bartsch in den zwei Jahren seiner Elternzeit nicht als Chorleiter zur Verfügung stehen wird. Doch richtet sich der Blick dieser Tage ohnehin nicht so sehr in die Zukunft, sondern eher in die vergangenen 20 Jahre, in denen der Mädchenchor von einem kleinen Grüppchen singbegeisterter junger Damen zu einem aktuell rund 130-stimmigen Klangkörper gewachsen ist.

1994 gründete der damalige Domkapellmeister Mathias Breitschaft den Mädchenchor, der damit bundesweit zu den ältesten Ensembles seiner Art zählt. Der große Zulauf des Mädchenchores am Dom und St. Quintin – der Name rührt daher, dass die Kirche in Domnähe seinerzeit keinen eigenen Pfarrchor hatte – gab Breitschaft Recht und den Domkantoren ein eigenes künstlerisches Betätigungsfeld: Fünf Kirchenmusiker leiteten das Ensemble in den 20 Jahren seines Bestehens, von 2005 bis 2012 war dies der heutige Domkapellmeister Karsten Storck.

Die Mädchen, zwischen neun und 19 Jahren jung, kommen zwei Mal wöchentlich zu Proben ins Chorhaus und genießen individuelle Stimmbildung in kleinen Gruppen. So lernt der Dirigent die Stimmen der jungen Damen genau kennen und kann sie entsprechend ausbilden, formen und einsetzen.

Können die Jungs vom Mainzer Domchor und die Erwachsenen in Domkantorei und Domkammerchor aus einer Fülle von Chorliteratur wählen, sieht es für Frauen- oder Mädchenchöre eher mau aus. Hier muss man Klassisches geschickt arrangieren, wie zum letzten Weihnachtskonzert Vivaldis „Gloria“, eigene Stücke setzen oder sich zeitgenössischen Werken zuwenden: Vor allem skandinavische Komponisten haben das „Instrument Mädchenchor“ für ihr Werk entdeckt und schreiben spannende Musik für diese Besetzung.

Fragt man die Mädchen, was sie am Singen im ihrem Chor reizt, sind sie um Antworten nicht verlegen. Merit (17) singt seit neun Jahren im Mädchenchor und schätzt hier besonders die Gemeinschaft: „Man lernt immer wieder nette Menschen kennen.“ Für Christina (18), die mit Merit anfing, ist es „auch eine Frage der Solidarität und Loyalität gegenüber dem Chor“, weiter mitzumachen: „Selbst wenn man mal keine Lust hat.“ Auch Melina (14) genießt die Gemeinschaft im Mädchenchor, der in den Augen von Luisa (13) einfach „schöne Musik singt – vor allem mit einem so netten Chorleiter.“

Auch wenn sich der nun auf seinen Nachwuchs und die Zeit mit ihm freut, ist Matthias Bartsch natürlich traurig, nach nur zweijähriger Amtszeit die Leitung seines Chores abzugeben: „Mir sind die Mädchen total ans Herz gewachsen – überhaupt alle der rund 400 Menschen, die am Dom Musik machen.“ Aber, so betont Bartsch, er sei ja nicht aus der Welt und freue sich, nach der Elternzeit hier weiter zu arbeiten.

Das dann übrigens verstärkt: Angesichts der aktuellen Personalsituation bewilligte das Bistum der Musica sacra die lang ersehnte dritte Stelle. Und zwar unbefristet: „In Zukunft können wir unserer Verantwortung den Schulen gegenüber noch besser gerecht werden“, freut sich Storck über das positive Signal für die Dommusik. Schließlich dokumentiert die Arbeit im Mainzer Dom- sowie Mädchenchor auch einen wichtigen Teil der Jugendarbeit des Bistums. 

Am dritten Sonntag im September wurde das Jubiläum im Dom mit einem Festgottesdienst gefeiert. Begleitet von Streichern des Mainzer Domorchester sowie Thomas Höpp an der Domorgel gestaltete der Mädchenchor am Dom und St. Quintin den Gottesdienst. Auf dem Programm stand vor allem die „Missa sub Titulo Sancti Leopoldi“ von Johann Michael Haydn (1747-1806), wofür Domkantor Matthias Bartsch mit Victoria Braum und Christina Beckmann (Sopran) sowie Nicole Jeres (Alt) herausragende Solisten gewinnen konnte. Der Mädchenchor beeindruckte die Besucher des Festgottesdienstes durch einen schlanken und doch angenehm präsenten Ton. Das eigentlich für Knabenstimmen gesetzte Werk stand auch den jungen Damen der Musica sacra bestens zu Gesicht und die Gestaltung der Andacht geriet intensiv und berührend.

Domdekan Heinz Heckwolf wies in seiner Ansprache darauf hin, dass das Singen der Chöre am Mainzer Dom und hier eben auch der „Auftritt“ des Mädchenchors am Dom und St. Quintin weit mehr sei als musikalischer Schmuck. Laut zweitem Vatikanischen Konzil habe die Kirchenmusik eine eigene und wichtige Aufgabe: „Jubilate Deo“, benannte sie der Domdekan: „Lobt Gott!“ Dies sei die vornehmste Form: festliche Begleitung als integrierender Bestandteil der Liturgie und „nicht Füllsel oder Umrahmung; kein musikalischer Gast, sondern dienendes Glied“. Hier am Dom würde – auch durch den Mädchenchor – der Schatz der Kirchenmusik mit größter Sorgfalt gepflegt und die Chöre mit Nachdruck gefördert, unterstrich Heckwolf. Dabei stehe die Liturgie stets im Vordergrund: „Zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gläubigen, um ihre Herzen aufzuschließen.“

„20 Jahre Mädchenchor bedeuten auch 20 Jahre ,Jubilate Deoʽ“, freute sich der Geistliche und dankte im Namen von Karl Kardinal Lehmann sowie dem ganzen Domkapitel nicht nur den Sängerinnen, sondern auch den Eltern, den Domkapellmeistern und Domkantoren, die mit musikalischer Kompetenz, enormem Fleiß und großer Geduld mit den jungen Damen im Laufe der Jahre ein beachtliches Niveau erarbeitet hätten.

Im Anschluss beging die Musica Sacra im Chorhaus anlässlich des Jubiläums des Mädchenchores auch ihr diesjähriges Sommerfest. Schließlich habe man, wie Domdekan Heckwolf schon zu Beginn des Festgottesdienstes betont hatte „Grund innezuhalten und ein Fest zu feiern“.

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