Matthias Bartsch: seit einem Jahr im Amt und in Mainz (03/2014)

Als Nachfolger des heutigen Domkapellmeisters Karsten Storck übernahm Matthias Bartsch Anfang 2013 die Leitung des Mädchenchores am Dom und St. Quintin. Diese und seine anderen Aufgaben machen dem gebürtigen Rheinländer großen Spaß, wie er im Gespräch erzählt.

Herr Bartsch, Sie sind jetzt gut ein Jahr im Amt – sind Sie dort auch angekommen?

Ich glaube schon. (lacht) Nein: Ich bin angekommen, im Amt und auch in Mainz. Wenn man ein Jahr hinter sich hat, dann weiß man, was ansteht, denn den „normalen Dienst“ im Dom habe ich nun schon ein Jahr lang erleben dürfen: Ostern, Fronleichnam und Weihnachten, also die großen kirchlichen Feste und daneben die Liturgie, die ja mit ganz wenigen Ausnahmen jeden Sonntag von unseren Chören gestaltet wird.

Was fasziniert Sie an der Musica sacra in Mainz?

Vor allem die Vielfalt. Hier gibt es drei gute Ensembles von jeweils beeindruckender Größe: die Domkantorei hat rund hundert Mitglieder, der Domchor mittlerweile 130 mit relativ vielen Männerstimmen und der Mädchenchor 125. Dazu gehören ja auch noch Daniel Beckmann als Domorganist und die Mainzer Dombläser – das ist schon imposant.

Sie bilden mit Daniel Beckmann und Domkapellmeister Karsten Storck ja ein recht junges Team…

Der Domdekan betont gerne, dass es das im deutschsprachigen Raum so an keinem Dom gibt.

Wie klappt die Zusammenarbeit?

Sehr gut! Vor allem die Vernetzung innerhalb der Chöre ist hilfreich, denn ich singe ja auch in der Domkantorei mit. Und das nützt dann, wenn wir geteilte Proben haben und ich dadurch in der musikalischen Arbeit schon drin bin. Im vergangenen Jahr durfte ich die Kantorei schon zwei Mal im Gottesdienst leiten. Und im Domchor gebe ich ja auch viel Stimmbildung und unterstütze Karsten Storck bei getrennten Proben.

Ihre Hauptaufgabe ist aber die Leitung des Mädchenchors am Dom und St. Quintin. Hier können Sie auf einen reichen Erfahrungsschatz aufbauen…

Von 2006 bis 2009 durfte ich mit dem Mädchenchor am Essener Dom viel zusammen arbeiten und in einer Karwoche krankheitsbedingt den Dirigenten Raimund Wippermann vertreten. Das waren wertvolle Erfahrungen, wobei der dortige Mädchenchor eine etwas andere Struktur hat.

Was ist das Besondere an „ihrem“ Chor in Mainz? Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den jungen Damen entwickelt?

Ebenfalls sehr gut, was man bei den Älteren besonders während der Konzertreise in die Niederlande merken konnte. Dort meisterte der Chor zwei qualitativ hochwertige Auftritte in Haarlem und Rotterdam. Gerade nach einem Chorleiterwechsel sind solche Erlebnisse prägend – und zwar für beide Seiten. Natürlich ist die Arbeit in einem so großen Ensemble eine Herausforderung, zumal die jüngsten Mädchen ja gerade mal neun Jahre alt sind. Das geht dann hoch bis 18 – und das gemeinsam sowohl zu einem großen Klangkörper als auch zu einer homogenen Gemeinschaft zu entwickeln, ist eine spannende Aufgabe.

Kann man sagen, dass die Jungs und Mädchen, die im Dom singen, ihren Altersgenossen etwas voraus haben?

Schon, denn sie erleben und gestalten Gemeinschaft. Das könnten sie natürlich auch in einem Sportverein oder anderen Gruppen erleben, aber im Chor ist das schon intensiver: Wer hier 18 ist, der hat zehn Jahre lang gesungen! Ich finde das Wort Disziplin eigentlich zu hart, aber die zusammengewachsene Gemeinschaft besteht für unsere Mädchen ja viel länger als die Klasse am Gymnasium. Da nimmt man viel mit und lernt voneinander – die Jüngeren von den Älteren und umgekehrt. Und das geschieht doch sehr diszipliniert, aber eben freiwillig und damit sehr effektiv.

Gibt es besondere Erlebnisse oder Begegnungen in Ihrem ersten Jahr?

Ganz viele! Es ist wahnsinnig schön zu erleben, mit welch offenen Armen die Mainzer einen empfangen; wir haben auch außerhalb der Chorarbeit schon viele Freunde gefunden. Und dann finde ich Kardinal Lehmann sehr beeindruckend – ein herzlicher Mensch! Die Teamarbeit klappt. Und all das führt zu tollen Konzerterlebnissen, ob auf Reisen oder im Dom. Das war vor allem das Weihnachtskonzert mit dem für Mädchenchor eingerichteten „Gloria“ von Antonio Vivaldi.

Haben Sie in Ihrer Arbeit schon eigene Akzente setzen können?

Angesichts des hohen Arbeitspensums für alle Chöre ist das gar nicht so einfach, denn die gut vorbereitete Liturgie steht vor Neueinstudierungen, die einen selbst interessieren. Aber man kann ja beides verbinden: So möchte ich im Mai eine Messevertonung von Benjamin Britten singen und Stücke von Andrew Carter, die der Mädchenchor ja auf der neuen CD „Evensong“ musiziert. Dann habe ich den Komponisten André Caplet für mich entdeckt, dessen Tonsprache in Richtung Duruflé und Debussy geht. Das singen wir dann um Ostern herum.

Die Akustik im Mainzer Dom hat ihre Tücken. Wie kommen Sie als Dirigent damit klar?

Leider bekommt man als Ausführender oder Dirigent ja nicht so richtig mit, wie es letztendlich im Kirchenschiff klingt. Ich weiß aber, dass man an zwei Stellen besonders gut hört: Natürlich vorne bis in Höhe der Kanzel und dann, ganz erstaunlich, hinten im Ostchor. Doch diese Akustik ist auch eine tolle Herausforderung: Wenn man sphärische Musik singt, bei der es vielleicht gar nicht auf jeden Ton, sondern auf die Klangfläche ankommt oder wir chorimprovisatorisch singen, dann macht das riesig Spaß!

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen