Festkonzert zum 30-jährigen Bischofsjubiläum von Kardinal Lehmann (10/2013)

Länger grübelte Domkapellmeister Karsten Storck darüber nach, welches Werk sich wohl am besten für das Festkonzert zum Goldenen Priesterjubiläum und 30. Bischofsjubiläum des Mainzer Bischofs Karl Kardinal Lehmann eignen könnte: Vielleicht eines von Bach? Oder Mozart? Die Wahl fiel indes auf einen Jüngeren: Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) – und einen „noch“ Jüngeren: Thomas Gabriel (*1957).

Auf dem Programm stehen die zweite Sinfonie B-Dur op. 52 des einen, die auch unter dem Namen „Lobgesang“ bekannt ist, und eine Uraufführung des anderen: Psalm 97 in einer Vertonung durch den Kantor an der Basilika-Pfarrei St. Marcellinus und Petrus in Seligenstadt, der als Regionalkantor für das Bistum Mainz vor allem für das „Neue geistliche Lied“ verantwortlich zeichnet. Die Psalmvertonung, die heute von Thomas Gabriel musiziert wird, ist im wahrsten Wortsinn also noch unerhört.

Unerhört neu war seinerzeit auch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, die der große Sohn der Stadt Mainz, Johannes Gensfleisch genannt Gutenberg, vor Ort machte. 400 Jahre später sollte dies gebührend gefeiert werden: Der Rat der Buch- und Messestadt Leipzig hatte bei seinem Gewandhauskapellmeister Mendelssohn Bartholdy eine Komposition in Auftrag gegeben, um die 400-Jahrfeier eben jener bahnbrechenden Erfindung auszuschmücken: „Im Juni [soll ich] das hiesige Buchdruckerfest durch Aufführung einer neuen Musik begehen helfen“, schrieb der Komponist an seinen Freund Karl Klingemann: „Wahrscheinlich mache ich eine Art kleineres Oratorium oder größeren Psalm.“

Der Brief datiert vom 16. Februar 1840, was zum einen vermuten lässt, der Komponist habe für seinen „Lobgesang“ auf bereits vorhandenes Notenmaterial einer skizzierten Sinfonie zurückgegriffen und andererseits den Kontrast zwischen den drei Instrumentalsätzen und dem chorischen Schlusssatz erklären könnte. Sinfonie oder Kantate? Das „Entweder-oder“, was Mendelssohn in seinem Brief anklingen ließ, wurde mit Opus 52 durch ein „Sowohl als auch“ ersetzt und der Erstdruck der Komposition war von ihrem Schöpfer mit „Symphonie-Cantate“ überschrieben.

Der „Lobgesang“ erinnert vor allem mit seinem finalen Choral an die neunte Sinfonie Ludwig van Beethovens, ist jedoch bei weitem keine Kopie, sondern eine Verarbeitung und Weiterentwicklung des Modells der Kombination von instrumentellen und vokalen Partien. Mendelssohn erfand mit seiner zweiten Sinfonie die Gattung der Sinfoniekantate quasi neu, indem er eine romantische Synthese seiner Paradedisziplinen – Orchesterstück und geistliche Musik – anstrebte. Hierbei spielte der moralische Appell allerdings weniger eine Rolle; wichtig war eher die epische Darstellung des Bibelwortes. Zudem hatte der Entstehungsanlass, das Feiern von Gutenbergs Geistesblitz, sinnfällig direkten Einfluss auf die Auswahl der vertonten Textpassagen: Mendelssohn sah in der Erfindung des Buchdrucks den Sieg des menschlichen Geistes über die Finsternis der Unbildung – und somit die Basis aller Kultur. Beredtes Bekenntnis ist hier der zentrale Punkt des „Lobgesangs“, wenn der Tenor fragt: „Hüter, ist die Nacht bald hin?“ Der Sopran bejaht: „Die Nacht ist vergangen“ und der Chor unterstreicht die Erkenntnis mit der flammenden Aufforderung: „So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“

Wie ein Fanal leuchtet bereits der Beginn der Sinfonia auf. Dieser von Mendelssohn selbst als „Einleitung“ bezeichnete Instrumentalpart macht fast ein Drittel des gesamten Werkes aus und gliedert sich in drei Teile. Das Allegro beginnt mit dem von den Posaunen vorgestellten Thema, das sich wie ein roter Faden durch die komplette Sinfonie zieht: „Alle Stücke [sind] auf die Worte ‚Alles, was Odem hat, lobe den Herrn‛ komponiert“, schreibt Mendelssohn an Klingemann: „Du verstehst schon, dass erst die Instrumente in ihrer Art loben und dann der Chor und die einzelnen Stimmen.“ Zuvor erklingt jedoch mit dem Allegretto un poco agitato ein Scherzo-Abschnitt mit abschnittsweise eingeschlossenem Bläserchoral, der wiederum mit dem zentralen Motto verbunden ist. Das Adagio religioso leitet zum vokalen Teil über, den der Chor mit dem Thema „Alles was Odem hat“ hymnisch eröffnet und abschließt.

Die Psalmworte hat Mendelssohn als dramaturgische Steigerung angeordnet: Der Bogen der vokalen Partien für zwei Soprane, Tenor und vierstimmigen Chor spannt sich vom „Lobgesang“ des Eingangschores über Trübsal und Finsternis, Hoffen und Rufen in der Dunkelheit sowie den anbrechenden Morgen bis zum Dank und Gotteslob, mit dem sich der Kreis wieder schließt. Die neun vokalen Sätze werden durch das Choralzitat am Schluss nochmals eingerahmt, was zeigt, wie viel dem Komponisten auch in der neuen Form der „Symphonie-Cantate“ die zyklische Geschlossenheit bedeutete.

Vom Komponisten des „Lobgesangs“ stammen auch zahlreiche Psalmvertonungen, von denen „Jauchzet dem Herrn“ (Psalm 100 op. 69 Nr. 2), „Warum toben die Heiden“ (Psalm 2 op. 78. Nr. 1) oder „Richte mich Gott“ (Psalm 43 op. 78 Nr. 2) und natürlich „Denn er hat seinen Engeln“ (aus Psalm 91) zum Repertoire jedes sakralen Vokalensembles gehören. Psalm 97 („Der Herr ist König“) findet sich allerdings nicht im Œuvre Mendelssohns. Dieses Textes hat sich Thomas Gabriel für das heutige Festkonzert angenommen. Und das nicht zufällig, denn der Komponist weiß, dass gerade diese Verse dem Kardinal sehr am Herzen liegen. Für Gabriel ist es nach eigenen Worten eine große Ehre, das Festkonzert mit einem eigenen Werk klanglich illustrieren zu dürfen, fühlt er sich dem Geistlichen doch zutiefst verbunden.

Außerdem führt Gabriel Psalm 97, den er kompositorisch in sechs Teile für vier Solisten, Chor und Orchester aufgegliedert hat, gewissermaßen aus einem „toten Winkel“ heraus, wendeten sich die Komponisten der Vergangenheit doch eher anderen Lob- und Klageliedern Davids zu. Psalm 97 allerdings hat eine kraftvolle und bilderreiche Sprache, was die heute erstmals erklingende Musik zu nutzen weiß: Unter anderem „Wolken und Dunkel“, „Feuer“ oder „Blitze“, die dafür sorgen, dass „Berge zerschmelzen wie Wachs“, bieten genug klangliche Ausdrucksmöglichkeiten, um Gabriels tonsprachliche Ideen umzusetzen: „Der Psalm beschreibt ja durchaus die Konflikte des Lebens“, sagt der Komponist.

Stilistisch wagt die Klangwelt einen Spagat zwischen der modernen, populären Sprache und der klassischen Kirchenmusik. Wie Mendelssohns „Lobgesang“ entzieht sich Gabriels „Psalm 97“ einer einfachen Zuordnung: „Es ist Kirchenmusik, die weder Dissonanzen noch Konsonanzen scheut und sich in ihren harmonischen Elementen in den Dienst der textlichen Ausdeutung stellt“, beschreibt Gabriel sein Werk, für das er sich mitunter von englischen Kollegen wie John Rutter (*1945) oder Andrew Carter (*1939) inspirieren ließ. Harmonie und Takt vermögen dabei die Generationen zu binden: „Mein ‚Psalm 97‛ vereint Rhythmen, die es vor 200 oder 300 Jahren eben noch nicht gab, was eher die jüngeren Sängerinnen und Sänger begeistern wird, und Melodien, von denen sich vor allem Ältere angezogen fühlen werden.“

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