Domchor singt mit dem Bachchor Mainz Brittens „War-Requiem“ (06/2013)

Dass die Sängerinnen und Sänger der Musica Sacra am Mainzer Dom nicht nur ihre vielfältigen liturgischen Aufgaben wahrnehmen, sondern auch in Mainz sowie weit über die Grenzen von Stadt und Land hinaus erfolgreich konzertieren, spricht für die Qualität der verschiedenen Ensembles. Weiteres Markenzeichen ist aber auch, dass sich namhafte Bühnen und Klangkörper der Mitarbeit der Dommusik versichern.

Immer wieder wirken Sängerinnen und Sänger bei Produktionen des Mainzer Staatstheaters mit, die EuropaChorAkademie bekam jüngst Unterstützung bei ihrer Mainzer Aufführung von Bachs Matthäuspassion und auch der Bachchor Mainz kann sich auf die Qualität der von Domkapellmeister Karsten Storck einstudierten Knabenstimmen verlassen, wenn er am 5. Juli 2013 unter der Leitung von Prof. Ralf Otto mit Benjamin Brittens „War Requiem“ das Mosel Musikfestival in der Konstantinbasilika Trier eröffnet und am 18. Juli das Werk im Rahmen des Rheingau Musik Festivals in der Basilika von Kloster Eberbach aufführt.

Benjamin Britten war sicher der bedeutendste englische Komponist des 20. Jahrhunderts“, informiert der Bachchor auf seiner Website. Ursprünglich zum Gedenken an die Verwüstung der Stadt Coventry und ihrer Kathedrale durch deutsche Angriffe komponiert, zähle das „War Requiem“ heute zu einem der opulentesten und bedeutendsten Chorwerke des letzten Jahrhunderts. 90 spannende Minuten lang verknüpfe die Komposition das traditionelle römische Requiem mit formvollendeten Gedichten des englischen Lyrikers Wilfried Owen. „Obwohl Britten mit allen Mitteln eines modernen großangelegten Chor- und Orchesterwerkes spielt, ist sein Requiem auch ein intimes Werk zwischen stiller Trauer und verhaltener christlicher Hoffnungsgewissheit“, ist weiter zu lesen.

Uraufgeführt wurde das Werk am 30. Mai 1962 in der neugebauten Kathedrale von Coventry. Neben dem 100. Geburtstag des 1976 gestorbenen Britten feiert das Stück in diesem Jahr übrigens auch den 50. Jahrestag seiner deutschen Uraufführung, bei der unter anderem der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau mitwirkte.

Das „War Requiem“ kombiniert den lateinischen Text der „Missa pro Defunctis“ mit Zeilen des Dichters Wilfried Owen (1893-1918), der im Ersten Weltkrieg sein Leben ließ. Seine Worte „My subject is war and the pity of war, the poetry is in the pity; all a poet can do today is warn” stehen über der Partitur von Brittens Musik: „Mein Thema sind der Krieg und das Leid des Krieges. Die Poesie liegt im Leid; alles, was ein Dichter heute tun kann, ist: warnen.“

Die als Oratorium angelegte Komposition lässt die liturgischen Partien vom Solo-Sopran (in den Konzerten in Trier und Eltville singt Susanne Bernhard), den Chören (Bachchor Mainz, Chor der Hochschule für Musik Mainz und die Knabenstimmen des Mainzer Domchors) sowie dem Sinfonieorchester gestalten, während die englischen Gedichte Owens vom Tenor (Christoph Prégardien) und Bariton (Thomas E. Bauer) gesungen und von einem Kammerorchester begleitet werden.

Das Denkmal, das Britten mit seinem „War Requiem“ der zerstörten Kathedrale von Coventry setzt, reiht sich ein in einen bestimmten Werkekanon, wie Dirigent und Musikwissenschaftler Benjamin-Gunnar Cohrs anmerkt: „Es gibt zahllose Orte dieser Welt, die im Lauf der Geschichte Schauplatz eines Völkermords waren. Doch nur wenigen davon wurde ein Denkmal gesetzt: Bohuslav Martinu trauerte um die Toten von ‚Lidice‛; Krystof Penedercki schrieb eine ‚Threnodie für die Opfer von Hiroshima‛ und Marc Blitzstein schilderte in seiner ‚Airborne Symphony‛ unter anderem die Bombadierung von sieben Städten im Zweiten Weltkrieg.“

Am 14. November 1940 flog die deutsche Luftwaffe einen verheerenden Angriff auf Coventry, was dazu führte, dass in England ein neues Wort entstand: „to coventry“ nannte man es fortan, wenn etwas dem Erdboden gleich gemacht werden sollte. Cohrs berichtet denn auch von einer ergreifenden Szene: Inmitten der gespenstischen Stille der eingestürzten Kathedrale fügte Gemeinde-Verwalter Forbes zwei verkohlte Dachpfosten zu einem Kreuz, das er auf den Schutthügel stellte und Reverend Wale schuf aus drei Bachbalken-Nägeln ein weiteres Kruzifix. Der Bürgermeister der Stadt Coventry war von diesen spontanen Gesten derart ergriffen, dass er den Wiederaufbau der Kathedrale verfügte, der nach 22 Jahren vollendet wurde. Beide Kreuze werden heute dort als Reliquien aufbewahrt.

Anlässlich der Fertigstellung wurde Benjamin Britten beauftragt, ein Requiem zu komponieren, das den Opfern der Kriege aller Zeiten gewidmet sein und für die Zukunft zu Verständigung, Frieden und Toleranz aufrufen sollte. Doch schon die Uraufführung, bei der neben Fischer-Dieskau und dem englischen Tenor Peter Pears die russische Sopranistin Galina Vishnevskaja mitwirken sollte – Britten hatte bewusst Künstler aus kriegsbeteiligten Nationen ausgewählt –, zeigte, dass es Verständigung und Toleranz noch immer schwer hatten: Für Vishnevskaja musste bei der Uraufführung Heather Harper einspringen, da die russischen Behörden die Ausreise der Sängerin verhinderten. Erst beim dritten Konzert und der anschließenden legendären Ersteinspielung sang sie mit.

Brittens „War-Requiem“ steht in der Tradition der großen Kantaten-Messen, vergleichbar etwa mit Bachs h-moll-Messe oder Beethovens Missa Solemnis. Auch werden Anklänge an Bachs Passionen deutlich: Ist es dort das Rezitativ des Evangelisten, dass die Geschichte erzählt, kommentieren bei Britten die beiden Solisten auf Englisch in Begleitung des Kammerorchesters das Geschehen auf dem Schlachtfeld und berichten vom irdischen Inferno, Chaos, Leid, aber auch Mitleid, das der Krieg mit sich bringt. Der Knabenchor hingegen stellt die himmlische Stimme des Friedens und der Unschuld dar. Der Literaturwissenschaftler Prof. Daniel Göske betont: „Seine schlichten, beinahe sphärischen Klänge haben oft einen Ausdruck von leidenschaftsloser, jenseitiger Reinheit.“ Über allem wölbt sich die lateinische Totenmesse, angestimmt vom Tutti und dem Solo-Sopran. Mit der Vereinigung des lateinischen Textes und den englischen Gedichten Owens vermischt das Werk die Eindrücke des persönlichen Leids und der Sinnlosigkeit des Krieges mit den Elementen des Trostes und der Versöhnung. Dabei wechseln die Ebenen und stehen ständig in Beziehung zueinander, überlagern und durchdringen sich.

Das anfängliche Glockengeläut beispielsweise wird durch den Tritonus, jenen „diabolus in musica“ dissonant zerrissen, grollender Kanonendonner und knatterndes Gewehrfeuer gesellen sich dazu, das Ganze steigert sich zum „Chor heulender Granaten“ – allein das „Requiem aeternam“ ist ergreifend wie erschütternd. Solche Musik geht einem in der Kombination mit dem textilen Aufbau fraglos unter die Haut, wie es der Times-Musikkritiker William Mann formulierte: „Es ist kein Requiem, um die Lebenden zu trösten; manchmal lässt es nicht einmal die Toten in Frieden ruhen. Doch es vermag jede lebendige Seele aufzurütteln, weil es die Barbarei, der die Menschheit mal mehr, mal weniger verfallen ist, mit all der Glaubwürdigkeit anprangert, die einem großen Komponisten zu Gebote steht.“

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