Domkonzert mit Haydn, Praetorius und Schütz (12/2017)

Johann Michael Haydn (*1737) ist der um fünf Jahre jüngere Bruder von Joseph, der als Tonsetzer ungleich größere Bekanntheit erlangte. Dennoch ist auch er eine interessante Komponistenpersönlichkeit und konnte am Ende seines Lebens auf eine bewegte musikalische Karriere zurückblicken: Wie Joseph war auch Michael Sängerknabe an St. Joseph in Wien, lernte das Spiel mit Geige, Orgel sowie Klavier und erhielt Unterweisungen in Musiktheorie.

Ein erste Anstellung fand er als Geiger und wurde wenig später bischöflicher Kapellmeister, dann Hofkomponist in Salzburg. Er war Organist an der Dreifaltigkeitskirche und schließlich als Nachfolger seines Freundes Mozart für die Dommusik vor Ort verantwortlich. In Salzburg wirkte er 43 Jahre und verfasste in dieser Zeit 360 sakrale und weltliche Kompositionen. Als Michael Haydn 1806 starb, schrieb der Prior P. Gabriel Hutter über ihn ins Totenbuch des Friedhofs der Stiftkirche St. Peter, wo sein Schädel als Reliquie verwahrt wird: „Sein Charakter war stille, behutsam, Bescheidenheit. Rausch und Spiele waren ferne von ihm; Mäßigkeit in Denken, Reden und auch andere Musikwerk[e] zu beurteilen war, was ihn beliebt und schätzenswert machte.“

Das letzte Werk, das Haydn vollendete, war die Missa sub titulo Sancti Leopoldi pro festo Innocentium. Unter den 30 Messen, die er in deutscher oder lateinischer Sprache und besetzt mit zwei der drei Oberstimmen für die Salzburger Kapellknaben komponierte, befinden sich fast zwei Drittel, die einen Heiligennamen tragen, der sich auf das Patrozinium einer Kloster- oder Pfarrkirche, Namenstage, Priester- oder Abtsweihen, Diözesanpatrone oder auf Jubiläen bezieht. Die heute gesungene Messe entstand anlässlich des Tages der unschuldigen Kinder, derer am 28. Dezember im Erinnern an den Kindermord des Königs Herodes gedacht wird. Haydns Kirchenmusik steht für ein tiefes Verständnis der liturgischen Aufgabe und die musikalische Interpretation der religiösen Texte. Sicherlich gilt das, was Haydn seinerzeit – er vollendete die Messe am 22. Dezember 1805 – über seine „lieben Chorknaben“ sagte, auch für die jungen Damen des Mädchenchors am Dom und St. Quintin: Die Musik „entspricht ganz den Kräften der hoffnungsvollen Zöglinge“. Wenige Tage später schrieb der kränkelnde Haydn an einen Freund, seine Messe habe „wie ich vernommen, […] auch gefallen“.

Gleiches wird auch auf die Interpretation der Werke zutreffen, die die Domkantorei im heutigen Konzert singt: das Magnificat von Claudio Monteverdi (1567-1643) und Motetten von Michael Praetorius (~1571-1621). Erklang vor drei Jahren mit Monteverdis Marienvesper im adventlichen Domkonzert das wohl bekannteste Werk des italienischen Komponisten, Gambenspielers, Sängers und Priesters, hat Domkapellmeister Karsten Storck mit dem vierstimmigen Magnificat primo tuoni ein sehr viel seltener musiziertes Werk ausgewählt und eigens für dieses Konzert instrumentiert. Es entstammt der sakralen Sammlung Selva morale e spirituale, die Monteverdi 1640 in Venedig veröffentlichte unnd die als seine wichtigste Anthologie seit der Vespro della Beata Vergine aus dem Jahr 1610 gilt. Das Konvolut wurde in einzelnen Stimmbüchern gedruckt und enthält eine vierstimmige Vertonung der Messe mit alternativen Sätzen im konzertanten Stil, Hymnen für den Vespergottesdienst, Motetten sowie Psalmvertonungen; es dokumentiert die stilistische Breite, mit der Monteverdi in der Zeit arbeitete, in der er Kapellmeister an St. Marco in Venedig war. Das heute musizierte Magnificat ist kein konzertantes Werk, sondern war als liturgische Musik komponiert. Der besondere Reiz dieser Musik liegt im alternierenden Psalmton, der abwechselnd vom Chor und vom Solotenor intoniert wird.

War Monteverdi katholischen Glaubens, wurde Michael Schultheiß alias Praetorius als Sohn eines lutherischen Geistlichen in Creuzburg an der Werra geboren; er studierte Theologie und Philosophie, auch seine Brüder waren Pfarrer. Um das Jahr 1587 trat Praetorius die Organistenstelle an der Universitätskirche St. Marien in Frankfurt/Oder an und wurde 1593 Kammerorganist beim Bischof von Halberstadt in Gröningen und Wolfenbüttel. 1604 ernannte man ihn zum Hofkapellmeister, ein Jahr später begann er mit der Veröffentlichung der von ihm komponierten Werke. 1619 veröffentlichte er seine Sammlung Polyhymnia Caduceatrix et Panegyrica, in der sich auch die heute erklingenden Motetten In dulci jubilo und Puer natus finden. Sie dokumentieren die unterschiedlichen Kombinationen von Singstimme und Instrumenten im barocken Concertanto-Stil. Die Motetten sind höchst polyphon besetzt: In dulci jubilo ist für sieben bis 21 Stimmen mit Trompeten und Pauken, fünf Chören und Generalbass komponiert, Puer natus immerhin für drei bis elf Stimmen und Generalbass, zwei Chöre und Instrumentalchor. Praetorius stellt es den Interpreten allerdings frei, wie sie die Werke musizieren, weshalb Domkapellmeister Storck die zahlreichen Stimmen auf die einzelnen Chorregister und Instrumentengruppen verteilt. In beiden Motetten greift Praetorius auf den Kunstgriff des „makkaronischen Textes“ zurück, der abwechselnd in lateinischer und deutscher Sprache verfasst ist, um den Kontrast zwischen Solo und Tutti zu dramatisieren.

Michael Praetorius war mit Heinrich Schütz (1585-1672) bekannt, der die Aufführung seiner nicht überlieferten Festmusik zum 100. Jahrestag der Reformation in Dresden leitete. Beide Komponisten waren auch zugegen, als 1619, im Veröffentlichungsjahr der Polyhymnia, die neue Orgel des kursächsischen Orgelbauers Gottfried Fritzsche in der Bamberger Stadtkirche eingeweiht wurde. Das Schaffen des Älteren steht heute im Schatten des Jüngeren, doch sollte man nicht außer Acht lassen, dass beide ihre Werke für unterschiedliche Abnehmer verfassten: Schütz schrieb in einer von Andrea Gabrieli abgeleiteten Tonsprache der Renaissance für ein Ensemble aus professionellen Hofmusikern, während Praetorius für seine Musik den italienischen Barockstil mit dem lutherischen Choral kombinierte und somit sicherstellte, dass diese auch von weniger gut ausgestatten Vokalensembles überzeugend zu interpretieren ist.

Der Domchor widmet sich heute einem ganz faszinierenden Werk von Heinrich Schütz: der Historia der freuden- und gnadenreichen Geburt Gottes und Marien Sohnes Jesu Christi, die um das Jahr 1660 erstmals aufgeführt wurde und der das Evangelium nach Lukas und Matthäus zugrunde liegt. Kaum zu glauben, dass Schütz, als er diese unglaublich lebendige Musik – übrigens das erste uns bekannte Arrangement, in dem die Worte des Evangelisten als Rezitative gesungen werden – schrieb, ein alter und müder Mann war, der sich von all seinen höfischen Pflichten hatte entbinden lassen. Der Text ist fast ausschließlich der Lutherübersetzung entnommen und wird von zwei Chorsätzen, der Introduction und dem Beschluss, eingerahmt.

Wie bei Bachs Weihnachtsoratorium erzählt der Evangelist die Weihnachtsgeschichte. Die sonstigen Akteure werden in Interludien vorgestellt. Sie sind zwar in ihrer Instrumentierung an den eleganten Stil der Unterhaltungsmusik an einem italienischen Hof der Renaissancezeit angelehnt, weisen aber trotzdem neue kompositorische Kunstgriffe auf: Da sind der Engelschor, eine pastorale Instrumentenkombination für die Hirten, die in fulminanter Eile musizierten „wunden Füße“ der Weisen oder die Posaunen, die die Hohepriester verkörpern. Schütz hat die Rezitative in einem anrührend verhaltenen Stil verfasst, der subtil Melodieverlauf und Sprache betont. Und es erklingen faszinierende Wortmalereien: beispielsweise als Rachel die von Herodes ermordeten Kinder in Halbtonschritten voller Trauer beweint oder Herodes vor Wut erzittert, als er erfährt, dass sein Plan, den Heiland zu töten, nicht aufgeht. Die Dynamik der Erzählung wurde von Schütz genau dosiert. 1664 nur in Teilen publiziert, konnte das Werk erst durch Funde an der Universität von Uppsala Anfang des 20. Jahrhunderts und spätere redaktionelle Rekonstruktionen vervollständigt werden.

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