Konzert des Mädchenchores (09/2018)

Die Dramaturgie des heutigen Domkonzerts beschenkt den Zuhörer gleich doppelt: Zum einen hört er mit dem „Stabat mater“ von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736) einen der ergreifendsten Klagegesänge der Gottesmutter, zum anderen lernt er mit dem „Miserere c-moll“ ein in reiner Damen-Besetzung eher selten aufgeführtes Werk des Bach-Zeitgenossen Johann Adolph Hasse (1699-1783) kennen.

Über Hasse, Spross einer Organistenfamilie, schreibt der französische Schriftsteller Romain Rolland: „In Wahrheit gibt es keine schönere melodische Zeichnung als die bei Hasse – nur Mozart ist ihm darin noch vergleichbar. Dass dieser bewundernswürdige Mann so vergessen werden konnte, ist eine der schlimmsten Ungerechtigkeiten der Geschichte; wir wollen uns bemühen, sie eines Tages wieder gutzumachen.“ Hasse lebte und wirkte gleichsam „zwischen den Epochen“: Jünger als Bach und Händel, doch wiederum älter als Haydn und Mozart schrieb er eine stets vorwärts gerichtete Musik. Zu Lebzeiten war Hasse der wohl berühmteste Komponist und für seine Ära prägend. Vor allem seine Werke der Opera seria gelten als Höhepunkte ihrer Gattung. Mit der Oper war er buchstäblich verheiratet, denn seine Ehefrau war die gefeierte Sängerin Faustina Bordoni. Auch selbst war Hasse ausgebildeter Sänger und trat als Tenor an den Opernhäusern in Hamburg und Braunschweig auf. Komposition studierte er von 1722 bis 1725 in Neapel unter anderem bei Alessandro Scarlatti. Auf dem Gebiet der Sakralmusik schrieb Hasse Oratorien, Messen und vertonte liturgische Texte.

Er wirkte ab 1733 als Kapellmeister am Dresdner Hof und unterrichtete während des siebenjährigen Krieges in Wien die Kinder von Kaiserin Maria Theresia. In früheren Jahren war er am Ospedale degli Incurabili in Venedig, einem Waisenhaus, das ausschließlich Mädchen musikalisch unterwies, als Lehrer tätig; auch Vivaldi stand einer solchen Einrichtung, dem Ospedale della Pietá, vor. Es verwundert daher kaum, dass Hasses 1730 in Venedig komponiertes „Miserere“ auch in der heute musizierten Fassung für Frauenstimmen existiert: Das Werk ist mit je zwei Sopran- und Altregistern besetzt und bezaubert vor allem durch den stets präsenten Belcanto. Auf auskomponierte Begrifflichkeit hat Hasse hier verzichtet und Worte wie iniquitas (Ungerechtigkeit), peccata (Sünden) oder malum (Missetat) sind eher in langen Melismen vertont. Dadurch wird die Musik nicht vordergründig als Moralpredigt wahrgenommen, sondern berührt vielmehr als innige Andacht.

Gleiches gilt für Pergolesis „Stabat mater“, von dem der französische Gelehrte Charles de Brosses sagte, dies sei das Meisterwerk der lateinischen Musik: „Es gibt kaum ein Stück, das höher gepriesen würde wegen der tiefen Kunst der Harmonien.“ Auch Giovanni Battista Pergolesi machte sich einen Namen als Opernkomponist und führte bereits mit 21 Jahren zum Ende seines Studiums am Conservatorio die Poveri di Gesù Christo in Neapel im Kloster von San Agnello ein sakrales Drama auf; bald folgten weitere Kompositionsaufträge. Eine schwere Krankheit zwang ihn 1735 zu einer Unterbrechung seiner Arbeit an einer Hochzeitskantate für den Fürsten Raimondo di San Severo. In Pozzuoli bei Neapel, wohin sich Pergolesi zur Erholung zurückgezogen hatte, entstand das „Stabat mater“ als letztes vollendetes Werk, bevor er am 16. März 1736 an Tuberkulose starb. 1789 formulierte der belgische Komponist und Mozart-Zeitgenosse André-Ernest-Modeste Gréry rückblickend: „Pergolesi erschien, und die Wahrheit wurde erkannt. Seitdem hat die Harmonie erstaunliche Fortschritte gemacht, doch Pergolesi hat dadurch nichts eingebüßt. Die Wahrheit der Deklamation, die seine Melodien kennzeichnet, ist unzerstörbar wie die Natur.“ Auch der Philosoph Jean-Jacques Rousseau war von Pergolesis letztem Werk derart ergriffen, dass er erklärte, vor allem die erste Strophe des „Stabat mater“ sei „die vollendetste und berührendste, die jemals aus der Feder eines Musikers geflossen ist“.

Worin aber liegt der Zauber dieser Musik, die ihre Hörer auch heute noch so unmittelbar in den Bann zu schlagen vermag? Zum einen wird die Atmosphäre durch den tieftraurigen Text bestimmt, dessen Impetus Moll-Tonarten vorherrschen lässt. Gefühlvoll wird die Passionsgeschichte dargestellt, in der sich der Dichter das Leiden und die inneren Schmerzen der Gottesmutter vor Augen führt, während sie am Kreuzesstamm erlebt, wie ihr Sohn stirbt. Wörtlich wird darum gebeten, an diesen Schmerzen teilhaben zu können. Aufgrund seiner großen Emotionalität und Sprache stand das „Stabat mater“ zeitweise auf dem Index. Doch auch andere Komponisten wie Josquin des Prez und Giovanni Pierluigi de Palestrina im 16. und Antonio Vivaldi und Alessandro Scarlatti Anfang des 18. Jahrhunderts inspirierte es zu Vertonungen. 1727 wurde der verhängte Bann von Papst Benedikt XIII. wieder aufgehoben. Das „Stabat mater“ ist seitdem die Sequenz des Gedenktags der Schmerzen Mariens, den die Katholische Kirche am Vortag des Konzerts feierte. Dieser folgt unmittelbar auf das Fest der Kreuzerhöhung am 14. September: Wird hier verehrend auf das Kreuz Christi als Siegeszeichen geblickt, wird tags darauf das Mitleiden Marias als Mutter und Vorbild aller Gläubigen gepriesen.

In seinem „Stabat mater“ nutzt Pergolesi den modernsten und emotional vielsagendsten Stil, der ihm zur Verfügung stand: die Sprache der Oper. Die Arien werden jedoch nur von zwei Frauenstimmen – Sopran und Alt – gesungen, die von Streichern und Basso continuo begleitet werden. Dabei wird der metrische Strophen-Aufbau in durchgängig achtsilbigen Versen von Sopran und Alt gemeinsam sowie alternierend und damit äußerst abwechslungsreich gestaltet. Rund vier Jahrzehnte nach Pergolesis frühem Tod verglich der neapolitanische Kunsthistoriker Guglielmo della Valle seine Kirchenmusik mit den großen Malern der Renaissance: „[Er] macht reichen Gebrauch von den Moll-Tonarten, lässt dann aber den Pinsel des Corregio fallen und greift den des Michelangelo auf, indem er ein heftiges, aufrüttelndes Dur anstimmt, das einen nicht schlafen lässt.“ Die harmonischen Entwicklungen könne man dabei „betrachten wie Bilder eines Malers, der seine Motive wiederholt: Je genauer wir hinsehen, desto mehr bewegen sie uns.“ Tatsächlich kann man in den Klangfarben, die die Interpreten für die Nachzeichnung dieses „Bildes“ gleichsam immer wieder aufs Neue anmischen, in der Deklamation und Chromatik, den Trillern sowie im langen, verzierenden Messa di voce auch immer wieder neue Details entdecken.

Die Besprechung des Konzertes kann man hier lesen: http://schreibwolff.de/musik/maedchenchor-am-dom-und-st.-quintin-domkonzert-2018

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